Fachbeitrag · Reinhard Egger, Paartherapeut, Systemischer Therapeut und Familientherapeut (DGSF)

Trennen oder bleiben? Was Paare wissen sollten, bevor sie sich trennen

Über eine Beratung, die nichts vorentscheidet.

Die kurze Antwort: Wer „Trennungsberatung“ sucht, hat sich oft noch nicht entschieden. Einen Test, der Ihnen die Entscheidung abnimmt, gibt es nicht. Was trägt, ist das Verständnis dafür, wie es so weit gekommen ist – und das nehmen Sie mit, wie auch immer es ausgeht.

Vielleicht haben Sie nach „Trennungsberatung“ gesucht. Oder nach „Soll ich mich trennen?“, spät am Abend, wenn im Haus alles still ist.

Wer mich mit diesem Wort anruft, hat sich in aller Regel noch nicht entschieden. Das merke ich meist schon nach wenigen Minuten. Aus der Trennungsberatung wird am Telefon die Frage, ob man sich trennen soll oder nicht, und dahinter stehen oft Jahre, in denen sich einer oder beide nicht verstanden gefühlt haben. Dazu kommen Kränkungen, die bei jedem Streit wieder auf den Tisch kommen.

Ich kann Ihnen nicht sagen, ob Sie bleiben oder gehen sollen. Das kann niemand von außen, und wer es trotzdem tut, nimmt Ihnen eine Entscheidung weg, die Ihnen gehört. Was ich Ihnen geben kann, ist das, was ich in 25 Jahren mit Paaren in genau dieser Lage gelernt habe.

Falls Sie nur einen Abschnitt lesen möchten, nehmen Sie den dritten. Er erklärt, wie es so weit kommt. Wer das verstanden hat, entscheidet anders, egal in welche Richtung.

Die kurze Antwort, falls Sie gerade nicht weiterlesen möchten

  • Wer „Trennung“ sucht, ist oft noch unentschieden. Dieser Zwiespalt gehört zur Lage und ist kein Zeichen von Schwäche.
  • Einen Test, der Ihnen die Entscheidung abnimmt, gibt es nicht. Die Tests, die ich mir angesehen habe, legen nicht offen, wie sie geprüft wurden.
  • Entscheiden Sie nicht im Streit. Im ersten Versöhnungsglück übrigens auch nicht.
  • Wenn einer schon weiter ist als der andere, gibt es dafür einen eigenen, untersuchten Weg.
  • Was Sie über Ihre eigenen Muster verstehen, nehmen Sie mit. Mit einem neuen Partner stünde sonst oft dieselbe Arbeit wieder an.
  • Wo Angst oder Gewalt im Spiel sind, geht Ihr Schutz vor.

Alles Weitere ist die Begründung dafür.

„Trennungsberatung“ – und was am Telefon daraus wird

Kurz gesagt: Das Wort klingt nach einer Entscheidung, die schon gefallen ist. Am Telefon zeigt sich fast immer, dass sie noch offen ist.

Ich frage am Telefon nicht als Erstes, wer sich trennen will. Die Frage käme zu früh, und sie würde jemanden in eine Rolle drängen, bevor wir uns überhaupt kennen. Eher frage ich so: Geht es Ihnen darum herauszufinden, ob Sie sich trennen wollen? Oder steht die Entscheidung schon, und Sie suchen einen Weg, sie gut umzusetzen?

Die meisten antworten mit dem ersten Teil. Manche zögern und sagen dann: eigentlich beides. Auch das ist eine ehrliche Antwort.

Danach versuche ich in Worte zu fassen, was ich höre, und frage nach, ob es stimmt. Oft klingt es ähnlich. Man fühlt sich seit Jahren nicht verstanden. Aus der Hoffnung ist Frust geworden und aus dem Frust Resignation. Jeder Streit holt die alten Kränkungen wieder hervor, und irgendwann kommt das Gefühl dazu, dass das eigene Leben an einem vorbeizieht.

Ich sage dann meist zwei Dinge. Das erste ist eine Würdigung: Sie haben es sich bestimmt nicht leicht gemacht. Wer so lange durchhält und dann zum Telefon greift, hat viel getragen. Das zweite soll entlasten. Ich habe sehr viele Paare in genau dieser Lage erlebt, Sie sind damit nicht allein, und es ist kein persönliches Versagen. Wie man miteinander glücklich wird, lernen wir in der Schule leider nicht.

Wer sich wirklich konkret trennen will, geht meist direkt zur Anwältin oder zum Anwalt. Dass Sie diesen Text lesen, spricht eher dafür, dass die Frage für Sie noch offen ist. Und wenn sie für Sie schon entschieden ist, sind Sie trotzdem richtig. Manche kommen gerade deshalb zu mir, um zu erarbeiten, wie sie es ihrem Partner sagen. Davon handelt Abschnitt 11.

Ein Satz vorweg zur Sicherheit. Haben Sie zu Hause Angst, weil es Gewalt oder massive Kontrolle gibt, dann geht Ihr Schutz der Frage nach der Beziehung vor. Was in diesem Fall gilt und wo Sie sofort Hilfe bekommen, steht in Abschnitt 12.

Warum Ihnen kein Test die Entscheidung abnimmt

Kurz gesagt: Tests zur Frage „Soll ich mich trennen?“ gibt es viele, aber keiner der sichtbaren legt offen, wie er geprüft wurde. Und die Frage hat ohnehin mehr als zwei Antworten.

Wer im Internet nach „trennen oder bleiben“ sucht, landet schnell bei Tests. Zehn Fragen, fünfundzwanzig Fragen, am Ende ein Ergebnis. Manche schicken das Ergebnis erst, wenn man seine E-Mail-Adresse hinterlassen hat. Einer davon steht auf dem Portal eines Dienstleisters, der Scheidungen abwickelt. Das muss man niemandem vorwerfen. Man sollte es nur wissen, bevor man einem Ergebnis glaubt.

Ich habe mir die sichtbarsten Angebote angesehen. Keines legt offen, wie der Test entwickelt oder überprüft wurde. Einer der Ratgeber, die ich gelesen habe, verzichtet ausdrücklich auf einen Test, mit der Begründung, ein Test könne die Vielschichtigkeit einer Beziehung nicht erfassen. Da stimme ich zu.

Es gibt dafür noch einen Grund. Der Zwiespalt, in dem Sie vielleicht gerade stecken, bedeutet nicht, dass mit Ihnen etwas nicht stimmt. Er entsteht, weil auf beiden Seiten echte Verluste liegen. Wer geht, verliert etwas, und wer bleibt, ebenso. Ein Test, der Punkte zusammenzählt, macht aus diesem Abwägen eine Rechenaufgabe und wird ihm damit nicht gerecht.

Dazu kommt, dass die Frage selten nur zwei Antworten hat. Zwischen „weiter wie bisher“ und „Trennung“ liegt zum Beispiel die Möglichkeit, sich für eine begrenzte Zeit ernsthaft auf die Arbeit an der Beziehung einzulassen und danach neu zu entscheiden. Für Paare, in denen einer schon weiter ist als der andere, gibt es dafür sogar ein eigenes, untersuchtes Format. Davon handelt Abschnitt 5.

Manche Fragen tauchen in dieser Lage immer wieder auf. Ist das nur eine Phase, oder war es das? Werde ich es bereuen? Bleibe ich vielleicht nur, weil ich Angst habe, allein zu sein? Ich halte das für gute Fragen, und ich gehe ihnen lieber im Gespräch nach als mit einer Punktzahl.

Wie viele Paare sich nach einer Paartherapie trennen, habe ich in einem eigenen Beitrag zusammengetragen, mit den Zahlen aus der Forschung und ihren Grenzen.

Wie es so weit kommt

Kurz gesagt: Am Anfang steht selten ein großer Bruch. Meist sind es viele kleine Momente, in denen sich einer nicht gesehen gefühlt hat, ohne dass es jemand bemerkt hätte.

Im Kern ist unser Leben ziemlich einfach gebaut. Wir haben Bedürfnisse, und wir möchten, dass sie gesehen werden. Für mich gehört Gesehenwerden zu den wichtigsten Dingen für unser Selbstverständnis. Bleibt das über lange Zeit aus, fühlt es sich irgendwann an, als stünde die eigene Existenz in Frage.

Das Schwierige ist, dass wir einander nie ganz verstehen können. Jeder baut sich seine Wirklichkeit aus dem, was er wahrnimmt, und aus dem, was er schon kennt. Was zwei Menschen in derselben Situation erleben, ist deshalb selten dasselbe, bei Gefühlen erst recht. Mehr als hilfreiche Missverständnisse sind zwischen zwei Menschen oft nicht drin. Was wir können, ist etwas anderes. Wir können dem anderen immer wieder zeigen, dass wir uns Mühe geben, eine Ahnung davon zu bekommen, was in ihm vorgeht.

Paul Watzlawick hat dazu in seiner „Anleitung zum Unglücklichsein“ eine Geschichte erzählt, die ich gern weitergebe, hier frei nacherzählt. Ein Mann will ein Bild aufhängen und braucht einen Hammer. Der Nachbar hat einen. Doch bevor er hinübergeht, malt er sich aus, wie der Nachbar wohl reagieren wird. Ihm fallen immer neue Gründe ein, warum der ihn abweisen könnte, und er wird darüber immer wütender. Als der Nachbar schließlich die Tür öffnet, schreit der Mann ihn an, bevor er überhaupt gefragt hat.

Was tun wir nicht alle, um ja unglücklich zu sein und uns misszuverstehen. In Paaren, die schon lange zusammen sind, läuft diese Geschichte in kleinen Dosen fast täglich ab.

Ein Wort spielt dabei eine größere Rolle, als man denkt. Für mich ist „aber“ das schlimmste Wort in einem Gespräch zwischen zwei Menschen, die sich nahestehen. Mit dem Aber nehme ich weg, was der andere gerade gesagt hat. Ein Kind kommt nach Hause und erzählt stolz von seiner Zwei in Englisch. Es wird gelobt, und dann folgt der Nachsatz: „Aber wenn du noch ein bisschen mehr gelernt hättest, wäre auch eine Eins drin gewesen.“ Hängen bleibt beim Kind vermutlich vor allem der zweite Satz.

Zwischen Partnern ist es nicht anders. Wer ein Bedürfnis ausspricht und ein Aber zurückbekommt, erlebt, dass das Gesagte nicht zählt. Und weil Gesehenwerden so grundlegend ist, trifft das tiefer, als die kleine Szene vermuten lässt.

Es muss nicht einmal ein Aber sein. Einer kommt abends nach Hause und sagt: „Ich habe Hunger.“ Der andere antwortet: „Ich auch.“ Böse gemeint ist das nicht, und trotzdem geht es an dem vorbei, was gerade gesagt wurde. Friedemann Schulz von Thun würde von einer Selbstoffenbarung sprechen, die nicht angekommen ist.

Nach meiner Erfahrung braucht es in solchen Momenten oft dreimal Zuwendung, bis etwas ankommt. In der kleinen Szene könnte das so aussehen:

  1. „Oh, du hast Hunger.“ Damit ist das Bedürfnis wahrgenommen.
  2. „Hast du wieder so viel gearbeitet, dass du nicht zum Essen gekommen bist?“ Das würdigt den Tag, der dahintersteht.
  3. „Magst du erst mal eine halbe Banane? Dann überlegen wir zusammen, was wir kochen.“ Das nimmt ernst, wie es dem anderen gerade geht, wenn der Blutzucker im Keller ist.

Mit Kränkungen verhält es sich ähnlich. Eine einzige Entschuldigung reicht selten. Meiner Erfahrung nach braucht es eher drei Gesten der Wiedergutmachung, bis sie wirklich ankommt. Eine Studie zu dieser Zahl kenne ich nicht. Verwandt ist ein Befund aus John Gottmans Untersuchungen. Stabile Paare kamen dort im Streitgespräch auf ungefähr fünf freundliche Äußerungen je unfreundliche, instabile Paare auf weniger als eine (Gottman 1993). Negatives wiegt schwerer als Positives, und man muss mehr hineingeben, als man rechnerisch erwarten würde.

Der Familientherapeut Ivan Boszormenyi-Nagy hat beschrieben, dass in engen Beziehungen eine Art Bilanz von Geben und Nehmen geführt wird, über die kaum je gesprochen wird. Bleibt darin über Jahre etwas offen, sammelt es sich an. Irgendwann läuft das Fass über, und bei jedem neuen Streit wird alles Alte wieder ausgepackt.

Eine Frau sagte einmal mitten in einer Sitzung (Einzelheiten verändert, sodass keine reale Person erkennbar ist): „Jetzt weiß ich, warum ich meinen Mann immer mehr als Feind sehe.“ Klagend war der Satz nicht gemeint. Er markierte den Moment, in dem sie ihre eigenen Gefühle verstand, und dieses Verständnis allein reichte, dass wieder freundliche Gefühle für ihren Mann möglich wurden. Danach haben die beiden mit Freude und Spaß an ihrer Verständigung gearbeitet, mit eigenen Beispielen und in Rollenspielen.

Und manchmal fehlt gar nicht die Liebe. Wer mit kleinen Kindern und einem fordernden Beruf seit Jahren auf Reserve läuft, kann Erschöpfung kaum noch von einem Ende der Gefühle unterscheiden. Von innen fühlt sich beides ähnlich an. Die Frage „Ist das nur eine Phase?“ ist deshalb ernster gemeint, als sie klingt, und mit etwas Abstand und Unterstützung lässt sie sich meist besser beantworten als allein um zwei Uhr nachts. Hält die Erschöpfung lange an oder kommt tiefe Niedergeschlagenheit dazu, gehört das zuerst in ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung.

Wenn der Ärger schneller ist als der Kopf

Kurz gesagt: Im Streit reagiert zuerst ein sehr alter Teil von uns, und der kennt nur wenige Antworten. Große Entscheidungen gehören deshalb nicht in diesen Moment. In den ersten Moment der Versöhnung übrigens auch nicht.

Wenn es brenzlig wird, greifen wir auf ein Programm zurück, das sehr viel älter ist als jede Beziehung. Angriff, Flucht oder Totstellen – das sind die Möglichkeiten, die uns die Evolution für den Notfall mitgegeben hat. In Paaren sehen sie etwas zivilisierter aus. Der eine wird laut und zählt auf, was alles schiefläuft. Der andere zieht sich zurück, ins Arbeitszimmer oder ans Handy. Und mancher verstummt einfach und wartet, bis es vorbei ist.

Ich verstehe jedes dieser Muster als Lösungsversuch. Keines ist böse gemeint, alle haben irgendwann einmal geholfen. Nur passen sie selten zu dem, was zwei Menschen brauchen, die sich eigentlich nahe sein wollen.

Dazu kommt, dass der Ärger schneller ist als der Verstand. Das limbische System, der Teil von uns, der Gefühle in Sekundenbruchteilen bewertet, hat längst reagiert, bevor ich überlegen kann, wie ich einen Satz verstehen will. Dabei ist schon das Ärgern eine erstaunliche Leistung. Der andere schickt warme Luft an seinen Stimmbändern vorbei, daraus werden Schallwellen, die auf mein Trommelfell treffen. Welchen Sinn ich daraus mache und welches Gefühl ich dazu bekomme, erledige ich selbst.

Eric Berne, der Begründer der Transaktionsanalyse, hat beschrieben, dass wir aus verschiedenen Ich-Zuständen heraus sprechen. Er nannte sie Eltern-Ich, Erwachsenen-Ich und Kind-Ich. Ich spreche lieber vom elternhaften, erwachsenhaften und kindhaften Ich. Das klingt weniger nach einer Zuschreibung, und es macht deutlicher, dass man von einem Zustand in den anderen wechseln kann. Im Streit antwortet oft das gekränkte kindhafte Ich auf einen Satz, den der andere vielleicht ganz sachlich gemeint hat. In seinem Buch „Spiele der Erwachsenen“ zeigt er, wie Menschen dabei immer wieder dieselben eingespielten Abläufe wiederholen, ohne es zu merken. Viele Paare erkennen sich darin sofort.

Hilfreich finde ich auch die Arbeit mit inneren Anteilen, wie sie in der Ego-State-Arbeit nach Dr. Jochen Peichl beschrieben ist. Jeder von uns trägt verschiedene Anteile in sich, zum Beispiel einen, der schnell gekränkt ist, und einen, der besonnen bleibt. Wer sie kennt und ihnen allen erlaubt, zu Wort zu kommen, kann eher entscheiden, welcher von ihnen gerade antworten soll. Am Ende bin ich der Chef. Das gibt mir die Chance, meine erste Reaktion zu bremsen und genauer hinzuschauen, wie ich einen Satz deute.

Wie das im Alltag aussehen kann, zeigt eine kleine Szene. Jemand fährt seinen Partner heftig an und weiß schon im selben Moment, dass der Ärger gar nicht ihm gilt. Der andere merkt es auch, bleibt gelassen und antwortet: „Ich liebe dich auch, Schatz.“ Mehr braucht es manchmal nicht, damit sich ein Streit auflöst, bevor er richtig begonnen hat.

Für die große Frage folgt daraus eine einfache Regel. Treffen Sie keine Entscheidung über Ihre Beziehung mitten in einem Streit. Eine Ausnahme gibt es. Wenn Sie sich bedroht fühlen, bringen Sie sich zuerst in Sicherheit. Ein „Ich will mich trennen!“ in der Eskalation ist meist ein Ausdruck von Not und Erschöpfung und noch kein Beschluss. Nehmen Sie den Satz ernst, aber greifen Sie ihn erst wieder auf, wenn beide wieder ruhig sind. Das gilt genauso in die andere Richtung. Wer sich nach einer langen Krise gerade versöhnt hat, sollte nicht im ersten Glück beschließen, dass nun alles wieder gut ist.

Mit etwas Abstand finden die meisten Menschen andere Möglichkeiten als Angriff und Rückzug. Mit jemandem von außen, der das gelernt hat, gelingt es oft noch leichter.

Wenn einer schon weiter ist

Kurz gesagt: Selten zweifeln beide im selben Tempo. Meist hat einer den inneren Abschied begonnen, lange bevor der andere es merkt, und für diese Lage gibt es einen eigenen Weg.

Die amerikanische Soziologin Diane Vaughan hat für ihr Buch „Uncoupling“ (deutsch: „Wenn Liebe keine Zukunft hat“) Menschen nach ihrer Trennung befragt. Ihre zentrale Beobachtung ist, dass eine Trennung aus zwei Übergängen besteht, und der eine beginnt vor dem anderen. Wer innerlich zuerst geht, ist oft schon lange unzufrieden, bevor er es offen sagt. Er sucht sich Vertraute außerhalb der Beziehung, zeigt seine Unzufriedenheit erst nach und nach und ist innerlich ein gutes Stück weiter, wenn es zur Aussprache kommt.

Für den anderen kommt dann vieles scheinbar aus heiterem Himmel. Er fühlt sich überrollt, während der Partner das Gefühl hat, er habe doch jahrelang Signale gegeben. Beide haben auf ihre Weise recht. Sie stehen nur an verschiedenen Stellen desselben Weges.

Ist damit alles entschieden? Nach meiner Erfahrung nicht. Ich habe erlebt, dass sich in jeder Phase noch etwas bewegen lässt, solange beide es wollen. Nicht immer, aber immer wieder. Dass das, was man tut, auch verändert, was man fühlt, habe ich in einem anderen Beitrag ausführlicher beschrieben.

Wenn einer die Beziehung erhalten will und der andere eher zur Trennung neigt, setzt klassische Paartherapie allerdings zu früh an. Für diese Lage wurde in den USA ein eigenes Kurzformat entwickelt und untersucht, die Klärungsberatung (Discernment Counseling, Doherty & Harris 2017). Ihr Ziel ist Klarheit über den nächsten Schritt und nicht die Rettung um jeden Preis. Ausführlich beschrieben habe ich sie im Beitrag darüber, was man tun kann, wenn einer innerlich schon gegangen ist.

An dieser Stelle möchte ich mich an den wenden, der bleiben will. Festhalten, Kontrollieren oder ein Ultimatum erhöhen fast immer den Druck, und Druck verstärkt den Rückzug. Niemand lässt sich in eine Beziehung zurücklieben. Was stattdessen hilft und worin sich ein Ultimatum von einer eigenen Grenze unterscheidet, beschreibe ich im Abschnitt Grenzen statt Ultimatum.

Manche merken irgendwann: Ich werde nicht so geliebt, wie ich liebe. Und dann kommt die Entscheidung, sich selbst so viel wert zu sein, darauf zu achten und danach zu handeln. Das Erstaunliche ist, dass gerade wer den Blick auf sich zurückholt, die Lage wieder öffnet. Manchmal findet das Paar dann zueinander, manchmal nicht. Handlungsfähig ist man in beiden Fällen wieder.

Warum man bleibt, obwohl es wehtut

Kurz gesagt: Man bleibt nicht nur aus Liebe. Oft halten einen die Jahre, die man schon hineingesteckt hat. Manchmal lassen die Umstände eine Trennung auch schlicht nicht zu.

Wer unglücklich ist und trotzdem bleibt, wird von außen schnell für unentschlossen gehalten. Die Forschung sieht das differenzierter. Die Sozialpsychologin Caryl Rusbult hat schon 1983 gezeigt, dass die Bindung an eine Beziehung nicht allein von der Zufriedenheit abhängt. Sie hängt auch davon ab, wie viel man investiert hat und welche Alternativen man für sich sieht. Man kann also mit einer Beziehung unzufrieden sein und ihr trotzdem verbunden bleiben. In meiner Praxis erlebe ich das häufig.

Dazu passt eine Neigung, die die Psychologen Hal Arkes und Catherine Blumer 1985 beschrieben haben: Je mehr wir bereits in etwas hineingesteckt haben, desto eher machen wir weiter, auch wenn es sich nicht mehr lohnt. In der Fachsprache heißt das Sunk-Cost-Effekt, die Falle der versunkenen Kosten. Übertragen auf eine Beziehung wiegen zwanzig gemeinsame Jahre und ein Haus schwer. Ein guter Grund zu bleiben sind sie für sich allein noch nicht.

Und trotzdem stelle ich Paaren manchmal die umgekehrte Frage. Wenn Sie schon so viele Jahre investiert haben, warum dann nicht mit dem Menschen weiterarbeiten, mit dem Sie zusammen sind? Gemeint ist nicht, dass die Jahre einen zum Bleiben verpflichten. Gemeint ist, dass die Arbeit an den eigenen Mustern bleibt, auch mit dem nächsten Partner. Wer geht, nimmt sich selbst mit. Für Gewalt und Kontrolle gilt das nicht. Die verantwortet, wer sie ausübt.

Ein weiterer Grund ist die Angst vor dem Alleinsein. Sie ist berechtigt und verdient keinen Spott. Es lohnt sich aber, ehrlich hinzuschauen, ob man aus Verbundenheit bleibt oder vor allem, weil das Alleinsein noch mehr Angst macht. Manchmal ist es auch die Erinnerung an früher, als alles leicht war, die einen festhält. Diese Fragen lassen sich allein schwer beantworten, im Gespräch oft besser.

Und dann gibt es Lagen, in denen eine Trennung im Moment schlicht nicht möglich ist. Das Geld reicht nicht für zwei Wohnungen, oder die Betreuung der Kinder lässt sich nicht anders organisieren. Anders ist es, wenn einer das Geld zuteilt oder kontrolliert, um den anderen zu halten. Dann ist das keine Frage der Kommunikation, und es gilt, was in Abschnitt 12 steht. Das ist eine besonders schwere Situation, und sie verdient zuerst Anerkennung und keinen schnellen Rat zum Auszug. Gerade hier hilft es, die Grundlagen guter Kommunikation zu lernen und dabei zu verstehen, wie verschieden zwei Menschen sein dürfen. Manchmal gehört auch dazu, alte Kränkungen aufzuarbeiten. Mit diesem Handwerkszeug lässt sich eine Vereinbarung finden, wie man einander akzeptieren und miteinander auskommen kann. Wie ein Abstand in der eigenen Wohnung aussehen kann, beschreibe ich in Abschnitt 9.

Unglücklich trotz Liebe

Kurz gesagt: Die Liebe kann bleiben, während das gemeinsame Leben wehtut. Das ist kein persönliches Versagen, und es gibt mehr Wege damit umzugehen als die Wahl zwischen Aushalten und Gehen.

„Unglücklich trotz Liebe – bleiben oder gehen?“ So oder ähnlich heißen viele Fragen in Internetforen, und sie treffen einen wunden Punkt. Liebe ist ein starkes Fundament. Den Alltag hält sie aber nicht von allein zusammen. Wenn zwei Menschen sich lieben und trotzdem nicht zueinanderfinden, liegt es oft an der Passung. Vielleicht wollen beide ganz verschieden leben. Oder sie haben eine Art, miteinander zu reden, die sie immer wieder verletzt.

Ich habe einmal einen Satz gehört, der mich bis heute beschäftigt. Macht es nicht Sinn, sich mit der zweitgrößten Liebe zufriedenzugeben? Der Satz klingt zunächst ernüchternd. Gemeint ist etwas anderes. Die größte Liebe ist nicht immer die, mit der sich ein gemeinsames Leben führen lässt.

Eine Frau hat über Jahrzehnte an ihrer großen Liebe festgehalten (Einzelheiten verändert, sodass keine reale Person erkennbar ist). Der Mann war an ein Lebenswerk gebunden, das er nicht aufgeben wollte, und so sahen sich die beiden nur selten. Jedes Mal stellten sie von Neuem fest, dass es dabei bleiben würde. Ich finde, es ehrt sie, so lange an dieser Liebe festgehalten zu haben. Leider hatte es auch einen Preis, und den hat sie selbst bezahlt.

Was heißt das für ein Paar, das sich liebt und trotzdem unglücklich ist? Manchmal lässt sich die Form der Beziehung so verändern, dass beide darin wieder Luft bekommen. Manchmal ist es klüger, die Liebe in eine respektvolle Trennung zu überführen, bevor sie im täglichen Streit verbrennt. Beides kann ein gutes Ergebnis sein. Welcher Weg der richtige ist, lässt sich erst sagen, wenn verstanden ist, was zwischen den beiden eigentlich schiefläuft, und das ist oft etwas anderes als das, worüber sie streiten.

Wegen der Kinder bleiben?

Kurz gesagt: Für Kinder zählt vor allem, wie die Eltern miteinander umgehen, und wie viel Streit es zu Hause gibt. Gerade wegen der Kinder lohnt es sich, die eigene Dynamik zu verstehen, wie auch immer die Entscheidung am Ende ausfällt.

Soll man wegen der Kinder zusammenbleiben? In Internetforen gehört diese Frage zu den häufigsten, wenn es ums Trennen oder Bleiben geht.

Ich beantworte diese Frage nicht mit Ja oder Nein, weil beide Antworten falsch sein können. Die Scheidungsforschung zeigt aber recht deutlich, dass für Kinder weniger die Trennung selbst das Problem ist als das, was davor und danach geschieht (Amato 2000, 2010). Besonders belastet anhaltender, bitterer Streit zwischen den Eltern. Wo Eltern dagegen wenig streiten, trifft eine Trennung Kinder eher härter, weil sie sie nicht kommen sehen. Kinder haben feine Antennen für das, was nicht ausgesprochen wird. Eisiges Schweigen am Küchentisch spüren sie genauso wie offenen Streit.

Ein „Zusammenbleiben für die Kinder“, in dem genau das den Alltag bestimmt, schützt die Kinder deshalb nicht. Es zeigt ihnen vor allem, wie Beziehung angeblich funktioniert. Eltern sind immer ein Modell, ob sie es wollen oder nicht. Kinder lernen von ihnen, wie man mit Konflikten und mit Unzufriedenheit umgeht, und ob man sein Leben selbst in die Hand nehmen kann oder es erdulden muss.

Dabei hilft mir eine Unterscheidung. Die Liebe zu den eigenen Kindern ist etwas, das bleibt, ein Leben lang. Die Liebe zwischen zwei Erwachsenen ist von anderer Art. Man muss etwas für sie tun, und trotzdem kann sie verschwinden. Wer beides vermischt, lädt den Kindern unbemerkt eine Verantwortung auf, die ihnen nicht gehört.

Vor gut fünfzehn Jahren hatte die Süddeutsche Zeitung in Dachau zu einer Podiumsdiskussion über Stieffamilien eingeladen. Ich saß dort als Familientherapeut und als Vertreter der Dachauer Familienhilfe. Die Frage des Abends hieß: Wie viele Erwachsene braucht ein Kind? Die Runde kam zu einem Ergebnis, das ich seither oft bestätigt gesehen habe. Wenn die Erwachsenen sich untereinander verstehen und einigermaßen zufrieden sind, kann es Kindern mit mehr Eltern als üblich besser gehen als mit zwei Eltern, die unglücklich sind und nur wegen der Kinder zusammenbleiben.

Und trotzdem gilt gerade wegen der Kinder: Ich halte es für angemessen, alles zu versuchen, um die eigene Dynamik zu verstehen und vielleicht auch zu verändern. Bleiben Sie zusammen, profitieren die Kinder davon unmittelbar. Trennen Sie sich, können Sie sich später viel besser verständigen, und das ist nach einer Trennung noch wichtiger als vorher, denn Eltern bleiben Sie. Wie ich mit ganzen Familien arbeite, beschreibe ich auf der Seite zur Familientherapie.

Trennung auf Zeit und das ewige Hin und Her

Kurz gesagt: Eine Auszeit kann helfen, wenn sie vorher abgesprochen und zeitlich begrenzt ist. Ich schlage dafür meist Abstand in der eigenen Wohnung vor und keinen Auszug.

Zuerst etwas Ehrliches über die Forschungslage. Wie lange eine Trennung auf Zeit dauern und nach welchen Regeln sie laufen sollte, ist kaum untersucht. Schon 1972 beschrieb die Therapeutin Marjorie Toomim eine zeitlich begrenzte, begleitete Trennung als Form der Krisenhilfe für Paare. Belastbare Studien zu Dauer und Regeln gibt es bis heute kaum. Was ich hier schreibe, ist deshalb meine Praxis und kein gesicherter Befund.

Beschrieben ist, wie es Menschen geht, wenn eine Trennung lange in der Schwebe bleibt. Eine kleine Studie mit Menschen, die getrennt lebten, ohne zu wissen, wie es ausgehen würde, beschreibt diesen Zustand als sehr belastend, als ein Leben, das auf Pause steht (Crabtree & Harris 2020). Auch das wiederholte Hin und Her aus Trennung und Versöhnung geht in Studien mit mehr Unsicherheit über die Beziehung einher (Dailey et al. 2012) und auf Dauer mit mehr seelischer Belastung (Monk et al. 2022). Untersucht wurden dabei Partnerschaften allgemein, nicht speziell Ehepaare.

Ich halte meist wenig davon, für eine Auszeit getrennt zu wohnen. Wenn es irgend geht, schlage ich Abstand in der eigenen Wohnung vor. Damit beginnt, was ohnehin oft notwendig ist. Jeder besinnt sich auf sich und hat Zeit für sich, und zwar ohne Vorwürfe, weil die Regeln vorher gemeinsam abgesprochen werden, auf Wunsch auch mit mir. So wird im Miteinander eine neue Erfahrung möglich.

Vorher geklärt sein sollte, wer welche Räume und Zeiten für sich hat, wie es mit den Kindern läuft, wie das Geld geregelt ist und wie viel Kontakt beide in dieser Zeit wollen. Und die Zeit sollte begrenzt sein, mit einem festen Termin, an dem Sie gemeinsam Bilanz ziehen. Wie lange das sein kann, hängt von der Lage ab. Die Zeiträume, mit denen ich sonst arbeite, beschreibe ich im Beitrag zur Erfolgsquote.

Was die Zeit füllt, ist so verschieden wie die Paare. Manchen tut ein gemeinsamer Urlaub gut, andere möchten sich erst einmal auf sich selbst besinnen, und über diese unterschiedlichen Bedürfnisse lässt sich verhandeln. Wichtig ist, dass die Zeit genutzt wird und nicht nur verstreicht. Ich biete in dieser Phase auch Einzeltermine für beide an, damit sich jeder für sich weiterentwickeln kann. Dabei bleibe ich ergebnisoffen und behalte trotzdem im Auge, dass es auch eine Möglichkeit ist, doch noch miteinander glücklich zu werden.

Eine Grenze gilt dabei ohne Ausnahme. Wenn einer von beiden Angst hat, weil es Gewalt oder massive Kontrolle gibt, ist Abstand in derselben Wohnung kein Weg. Dann ist die räumliche Trennung der Schutz, und was dann gilt, steht in Abschnitt 12.

Wie ich arbeite, solange die Frage offen ist

Kurz gesagt: Ich arbeite ergebnisoffen und schreibe Ihnen kein Ziel vor. Gleichgültig ist mir trotzdem nicht, wie es Ihnen beiden danach geht.

Ich bin, wie wir Systemiker sagen, veränderungsneutral. Ich gebe Ihnen keine Lösung vor, und ich respektiere auch eine Entscheidung, die anders ausfällt, als ich es mir vielleicht gewünscht hätte. Und ich bin allparteilich. Ich stehe im Wechsel auf der Seite jedes Einzelnen und immer auf der Seite Ihres gemeinsamen Klärungsprozesses.

Ehrlich gesagt verschweige ich dabei nicht, was ich in 25 Jahren gesehen habe. Viele Paare in genau dieser Lage haben gelernt, es anders zu machen, und konnten ihre alten Kränkungen mit Unterstützung lösen. Ebenso offen sage ich das andere. Wer geht, ohne verstanden zu haben, was zwischen den beiden schiefgelaufen ist, steht mit einem neuen Partner oft vor derselben Arbeit. Das ist kein Argument fürs Bleiben. Es ist ein Argument dafür, die Arbeit zu machen, wohin sie auch führt.

Am Anfang bitte ich um zweierlei. Das eine ist ein Vertrauensvorschuss, einfach als erfahrene Fachkraft, und zwar unabhängig davon, wie es ausgeht. Das andere ist eine Art Waffenstillstand für die Zeit unserer Arbeit. Die strittigen Themen werden zu Hause nicht mehr ausgetragen, Sie schreiben sie auf und bringen sie mit. Warum das so viel entlastet und wie lange ich solche Zeiträume ansetze, habe ich im Beitrag zur Erfolgsquote beschrieben.

Gearbeitet wird gemeinsam und einzeln. Gerade wenn einer schon weiter ist als der andere, sind Einzelgespräche oft das, was ein gemeinsames Gespräch erst möglich macht. Im Kern geht es dabei um Persönlichkeitsentwicklung, bei jedem für sich und damit auch beim Paar. Wer seine eigenen Anteile besser versteht, kann seine Bedürfnisse anders aussprechen und hat eine bessere Chance, dass sie gehört werden.

Und noch etwas sage ich am Telefon fast immer. Lassen Sie den Kopf nicht hängen. Es gibt Wege, auch wenn Sie sie im Moment nicht sehen. Wenn Sie nicht in die Praxis nach Oberding kommen können, geht das alles auch online.

Wenn es auf eine Trennung hinausläuft

Kurz gesagt: Auch eine Trennung lässt sich begleiten. Das Ziel ändert sich dann, und es geht um einen fairen Übergang und, wenn Kinder da sind, um eine Elternschaft, die danach noch trägt.

Nicht jede Klärung endet mit einem Neuanfang, und das muss sie auch nicht. Manche kommen schon mit einer Entscheidung zu mir. Dann erarbeiten wir zum Beispiel, wie sie es ihrem Partner sagen können, ohne ihn zu demütigen und ohne die Tür für eine faire Zusammenarbeit als Eltern zuzuschlagen. Andere merken im Lauf der Gespräche, dass es auf eine Trennung hinausläuft.

Woran man das erkennt, ist oft überraschend. Die Vorwürfe werden weniger. Jeder beginnt, auf den eigenen Anteil zu schauen, und die Gespräche werden ruhiger und sachlicher. Was nach außen wie Resignation aussehen mag, kann ein Zeichen von Reife sein.

Für den Abschied selbst arbeite ich gern mit einem Bild, angelehnt an Virginia Satir, wie ich es gelernt habe. Abschied nehmen ist wie ernten. Was haben wir gesät? Was davon ist aufgegangen, und was nicht? Und was wollte ich dir noch sagen, habe mich aber bisher nicht getraut? Wer sich so verabschiedet, kann später mit mehr Frieden auf diese Jahre zurückschauen.

Wenn Kinder da sind, wird das alles noch wichtiger. Dann lohnt es sich erst recht, die Grundlagen einer konstruktiven Verständigung zu lernen. Oft gehört auch dazu, alte Kränkungen aufzuarbeiten. Als Paar gehen Sie auseinander, Eltern bleiben Sie. Und Ihre Kinder schauen Ihnen dabei genau zu. Sie lernen an Ihnen, wie man das eigene Leben aktiv und konstruktiv gestaltet, mit Rücksicht auf die eigenen Bedürfnisse und auf die der anderen.

Dass eine Klärung auch dann hilft, wenn sie in eine Trennung führt, deutet übrigens auch eine kleine amerikanische Studie an. Ich habe sie im Beitrag über die Klärungsgespräche beschrieben.

Wann Klärung warten muss

Kurz gesagt: Wo Angst, Gewalt oder massive Kontrolle im Spiel sind, geht Schutz jeder Frage nach der Beziehung vor.

Alles, was in diesem Beitrag über gemeinsame Klärung steht, setzt voraus, dass beide frei sprechen können, ohne danach Angst haben zu müssen. Wo es körperliche oder sexualisierte Gewalt oder massive Kontrolle gibt, steht der Schutz der betroffenen Person an erster Stelle. Dann geht es zuerst darum, sicher zu werden, und erst danach um die Frage nach Bleiben oder Gehen. Wenden Sie sich in diesem Fall bitte an die Stellen im Kasten unten. Gerade die Zeit der Trennung ist in solchen Beziehungen oft die gefährlichste. Planen Sie sie mit einer Fachstelle.

Für meine Arbeit gelten außerdem feste Grenzen, die ich vorher ausspreche. Für die Zeit unserer gemeinsamen Arbeit gibt es keine Gewalt, ohne Ausnahme. Wenn ich Hinweise auf eine schwere psychische Erkrankung sehe, empfehle ich eine ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung und mache sie zur Bedingung für die weitere Zusammenarbeit. Mehr dazu steht in den Abschnitten über Grenzen und darüber, wann gemeinsame Sitzungen nicht das Richtige sind.

Für heute Nacht

Kurz gesagt: Nachts wird jede Frage größer, als sie ist. Heute Nacht müssen Sie nichts entscheiden, und es gibt eine bessere Zeit zum Grübeln.

Viele, die nach „trennen oder bleiben“ suchen, tun das spät am Abend oder mitten in der Nacht. Falls das gerade auf Sie zutrifft, lege ich Ihnen zuerst etwas Praktisches ans Herz. Legen Sie das Handy weg. Schicken Sie Ihrem Partner jetzt keine Nachricht, die Sie morgen nicht mehr schreiben würden, und stellen Sie heute Nacht kein Ultimatum. Was ich sonst zu großen Entscheidungen am späten Abend sage, steht am Ende meines Beitrags zur Erfolgsquote. Wenn es gerade mehr ist als Grübeln und Gedanken kommen, die Ihnen Angst machen, finden Sie die Nummern für sofortige Hilfe im Kasten weiter oben.

Wenn die Gedanken trotzdem kreisen, hilft ein Zettel. Schreiben Sie ein bis drei ehrliche Fragen auf, die Sie gerade beschäftigen. Was tut im Moment am meisten weh? Was wünsche ich mir, wenn ich die Angst für einen Augenblick weglasse? Bewerten Sie die Antworten nicht und zählen Sie nichts zusammen. Der Zettel ist kein Test. Er soll die Gedanken nur aus dem Kopf holen, damit Sie schlafen können.

Dazu erzähle ich gern eine Geschichte aus meinem Studium an der Katholischen Stiftungsfachhochschule in München. Wir übten damals, wie man Menschen in Not gut antwortet. Ein Mann, so das Beispiel, konnte nicht einschlafen, weil er immer grübeln musste. Mit Hilfe unseres Professors Walter Kögl fanden wir schließlich die beste Antwort. Sie lautete: „Gibt es denn keine bessere Zeit zum Grübeln?“ Dazu kam die Anregung, am Nachmittag alle Gedanken aufzuschreiben und dann gezielt eine halbe Stunde lang zu grübeln.

Ich selbst habe neben dem Bett ein Diktiergerät liegen. Wenn ich nachts ins Grübeln komme, spreche ich die Gedanken im Dunkeln mit geschlossenen Augen darauf und kann meist gleich wieder einschlafen. Manchmal entdecke ich am nächsten Tag darin tatsächlich einen guten Gedanken.

Sie müssen heute Nacht nicht wissen, ob Sie bleiben oder gehen. Morgen können Sie einen ersten Schritt tun, und der darf klein sein. Ein kurzes Telefonat mit mir kostet nichts und verpflichtet zu nichts. Sie können mir auch schreiben, ausführlich oder in wenigen Zeilen. Wenn ich nicht rangehe, sitze ich in einem Termin und rufe Sie zurück.

Häufige Fragen zu Trennen oder Bleiben

Was ist Trennungsberatung?

Trennungsberatung ist eine Beratung für Paare oder Einzelne, die vor der Frage stehen, ob sie sich trennen sollen, oder die eine Trennung gut gestalten wollen. Bei mir ist sie ergebnisoffen und kann in einen Neuanfang führen oder in eine faire Trennung. Wer mich mit diesem Wort anruft, hat sich meist noch nicht entschieden. Gemeinsam klären wir, wie es so weit gekommen ist und welcher nächste Schritt für Sie beide trägt.

Gibt es einen Test, ob ich mich trennen sollte?

Einen verlässlichen Test gibt es nicht. Die Tests im Internet, die ich mir angesehen habe, legen nicht offen, wie sie geprüft wurden, und können die Vielschichtigkeit einer Beziehung nicht erfassen. Der Zwiespalt, den viele in dieser Lage spüren, entsteht, weil auf beiden Seiten echte Verluste liegen. Solche Fragen lassen sich besser im Gespräch klären als mit einer Punktzahl.

Sollte man wegen der Kinder zusammenbleiben?

Darauf gibt es kein pauschales Ja oder Nein. Für Kinder zählt nach der Scheidungsforschung vor allem, wie die Eltern miteinander umgehen. Anhaltender, bitterer Streit belastet sie stark. Wo Eltern dagegen wenig streiten, trifft eine Trennung Kinder eher härter, weil sie sie nicht kommen sehen. Gerade wegen der Kinder lohnt es sich, die eigene Dynamik zu verstehen. Bleiben Sie zusammen, profitieren die Kinder davon, und trennen Sie sich, können Sie sich als Eltern später besser verständigen.

Ist eine Trennung auf Zeit sinnvoll?

Sie kann sinnvoll sein, wenn sie vorher abgesprochen und zeitlich begrenzt ist. Ich schlage dafür meist Abstand in der eigenen Wohnung vor und keinen Auszug, wenn es möglich ist. Belastbare Forschung zu Dauer und Regeln gibt es kaum. Eine kleine Studie beschreibt aber, dass eine Trennung, die lange in der Schwebe bleibt, ohne dass man weiß, wie sie ausgeht, sehr belastet. Wo Angst oder Gewalt im Spiel sind, ist die räumliche Trennung dagegen der nötige Schutz.

Ist das nur eine Phase, oder ist es vorbei?

Das lässt sich von innen oft schwer unterscheiden, weil sich jahrelange Erschöpfung ähnlich anfühlen kann wie ein Ende der Gefühle. Mit etwas Abstand und Unterstützung lässt sich die Frage meist besser beantworten als allein in einer schlaflosen Nacht. Hält die Erschöpfung lange an oder kommt tiefe Niedergeschlagenheit dazu, gehört das zuerst in ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung.

Sollte man im Streit über eine Trennung entscheiden?

Nein, außer Sie fühlen sich bedroht. Dann bringen Sie sich zuerst in Sicherheit. Ein „Ich will mich trennen!“ mitten im Streit ist meist ein Ausdruck von Not und Erschöpfung und noch kein Beschluss. Greifen Sie den Satz wieder auf, wenn beide ruhig sind. Dasselbe gilt für den ersten Moment der Versöhnung, in dem man leicht beschließt, dass nun alles wieder gut ist.

Begleiten Sie auch, wenn die Trennung schon entschieden ist?

Ja. Ich begleite auch Menschen, die sich schon für eine Trennung entschieden haben, zum Beispiel bei der Frage, wie sie es ihrem Partner sagen oder wie die Zusammenarbeit als Eltern danach gelingt. Das Ziel ist dann ein fairer Übergang. Wenn Kinder da sind, geht es vor allem darum, dass Sie als Eltern weiter gut miteinander reden können.

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Quellen

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Verfasst von Reinhard Egger, Diplom-Sozialpädagoge (FH), Paartherapeut, Systemischer Therapeut und Familientherapeut (DGSF), Supervisor. Praxis in Oberding bei Erding. Veröffentlicht: 4. Oktober 2026.

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