Fachbeitrag · Reinhard Egger, Paar- und Familientherapeut (DGSF)
Keine körperliche Nähe mehr: Was in langen Beziehungen und Ehen mit dem Begehren passiert
Warum die Lust in langen Beziehungen nachlässt, wie aus zwei Bedürfnissen ein Kreislauf wird – und warum keiner von beiden versagt hat.
Die kurze Antwort: Dass Zärtlichkeit und Sexualität in einer langen Beziehung nachlassen, ist vielen Paaren vertraut – und für sich genommen kein Zeichen, dass mit Ihnen oder Ihrer Beziehung etwas nicht stimmt. Entscheidend ist nicht, wie oft andere Paare sich nahe sind, sondern ob der Abstand zwischen dem, was Sie sich wünschen, und dem, was ist, für einen von Ihnen oder beide zu groß geworden ist. Über diesen Abstand kann ein Paar sprechen und verhandeln. Schwerer zu greifen ist der Kreislauf, der daraus entstehen kann – einer sucht, einer weicht aus –, weil beide ihn ungewollt gemeinsam in Gang halten.
Vielleicht kennen Sie einen dieser Sätze, von sich selbst oder von Ihrem Partner: „Wir leben nur noch wie in einer WG.“ „Wir sind uns fremd geworden.“ „Wir leben nebeneinanderher.“ In meinen Erstgesprächen sagt selten jemand: „Wir haben zu wenig Sex.“ Meist geht es zuerst um Nähe – und erst später stellt sich heraus, dass auch die körperliche Nähe fehlt: die Umarmung, das Küssen, die Zärtlichkeit, die Sexualität.
Und in meiner Erfahrung sitzen da meist zwei Menschen, die beide leiden – nur unterschiedlich. Die eine Person vermisst etwas und fühlt sich zurückgewiesen. Die andere spürt den Erwartungsdruck und verliert darunter erst recht die Lust. Beide fragen sich insgeheim, ob mit ihnen etwas nicht stimmt. Dieser Beitrag erklärt, was in langjährigen Beziehungen mit dem Begehren passiert – und warum nachlassendes Begehren für sich genommen kein Grund für diese Sorge ist. Für beide.
Die kurze Antwort, falls Sie gerade nicht weiterlesen möchten
- Fehlendes sexuelles Interesse ist weit verbreitet. In einer großen britischen Bevölkerungsstudie berichteten 34,2 % der sexuell aktiven Frauen und 15,0 % der sexuell aktiven Männer von fehlendem Interesse an Sex über mindestens drei Monate – Sie sind also in großer Gesellschaft.
- Leidensdruck entsteht nicht aus der Häufigkeit, sondern aus der Diskrepanz zwischen dem, was Sie erwarten, und dem, was ist. Deshalb kann dasselbe Liebesleben ein Paar quälen und ein anderes zufrieden lassen.
- Lust, die nicht mehr von selbst kommt, ist nicht verschwunden. Die Sexualmedizinerin Rosemary Basson beschreibt das als responsive Lust: Sie entsteht erst in der Situation – wenn die Umstände stimmen und kein Druck im Raum steht.
- Aus dem Unterschied kann ein Kreislauf aus Drängen und Rückzug entstehen. Beide versuchen zu lösen, und beide Lösungsversuche verstärken einander.
- Niemand hat versagt, und niemand muss sich rechtfertigen. Unterschiedliche Bedürfnisse sind kein Defekt. Veränderung beginnt dort, wo beide das Muster sehen können, statt sich gegenseitig zum Problem zu erklären.
Alles Weitere ist die Begründung dafür. Lesen Sie sie, wenn Sie den Kopf dafür haben.
Inhalt – 11 Abschnitte
- Kein Sex mehr in der Beziehung: Sie sind nicht allein – die Zahlen
- Wie viel Sex ist normal? Woran sich Leidensdruck wirklich bemisst
- Warum die Lust geht: ein Muster, kein Defekt
- Responsive Lust: Was nicht spontan kommt, ist nicht weg
- Der Kreislauf aus Drängen und Rückzug
- Was Paare tun können, wenn Sex und Zärtlichkeit fehlen
- Hoffnung – für beide
- Grenzen
- Was Sie jetzt tun können
- Häufige Fragen zu Nähe und Sexualität
- Quellen
Kein Sex mehr in der Beziehung: Sie sind nicht allein – die Zahlen
Kurz gesagt: Fehlendes sexuelles Interesse ist weit verbreitet. Es betrifft beide Geschlechter, Frauen häufiger als Männer – und es hat viel mit dem ganz normalen Leben zu tun: Müdigkeit, Stress, Alltag. Ob daraus Leidensdruck wird, ist eine eigene Frage – ihr gehört der nächste Abschnitt.
Die britische Natsal-3-Studie, eine der größten Bevölkerungsbefragungen zur Sexualität überhaupt, fand bei 34,2 % der sexuell aktiven Frauen und 15,0 % der sexuell aktiven Männer ein fehlendes Interesse an Sex über mindestens drei Monate. Ein ähnliches Alltagsbild – wenn auch aus einer nicht-repräsentativen Online-Befragung eines Partnervermittlers – zeigt für Deutschland die ElitePartner-Studie 2021: Als häufigste „Lustkiller“ nannten die Befragten Müdigkeit (38,8 %), Stress (38,5 %) und fehlende Initiative des Partners (31,7 %). Das sind keine exotischen Diagnosen. Das ist das Leben, das die meisten Paare führen.
Auch zur Beziehungsdauer gibt es Daten. Eine Studie mit 1.865 Studierenden in festen Beziehungen verglich Paare unterschiedlicher Beziehungsdauer und fand: Bei längerer Beziehungsdauer waren sexuelle Aktivität und Zufriedenheit bei beiden Geschlechtern niedriger; das sexuelle Verlangen war nur bei den Frauen geringer. Bemerkenswert ist ein zweiter Befund derselben Studie, der selten zitiert wird: Beim Wunsch nach Zärtlichkeit zeigte sich das umgekehrte Bild – bei den Männern niedriger, bei den Frauen höher. (Die Studie ist eine Momentaufnahme: Sie verglich verschiedene Paare zu einem Zeitpunkt, statt dieselben Paare über Jahre zu begleiten – und sie untersuchte Studierende zwischen 19 und 32. Wie weit sich das auf ältere Paare übertragen lässt, bleibt offen.) Wenn sich also in Ihrer Beziehung die Bedürfnisse auseinanderentwickelt haben, dann folgt das einem Muster, das die Forschung kennt – es ist nicht Ihr persönliches Versagen und nicht das Ihres Partners.
Wie viel Sex ist normal? Woran sich Leidensdruck wirklich bemisst
Kurz gesagt: Nicht die Häufigkeit macht das Problem, sondern der Abstand zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Deshalb hilft es wenig, sich mit anderen Paaren zu vergleichen – und viel, den eigenen Vergleichsmaßstab anzuschauen.
Unzufriedenheit entsteht – diesen Gedanken verdanke ich meinem Lehrer Gunther Schmidt – aus der Diskrepanz zwischen einem gewünschten Soll-Zustand und dem erlebten Ist-Zustand. Das klingt banal, hat aber eine tröstliche Seite: Der Ist-Zustand ist oft schwer zu ändern, der Blick auf das Soll dagegen schon eher. Ein Beispiel außerhalb der Sexualität: Wer im Kopf hat, bis 18 Uhr zu arbeiten, und um 17 Uhr gehen darf, freut sich über den frühen Feierabend. Wer im Kopf hat, um 16 Uhr zu gehen, erlebt denselben Feierabend um 17 Uhr als Zumutung. Gleiche Stunde, anderes Soll – anderes Erleben.
In der Sexualität wirkt dieselbe Mechanik, nur schärfer, weil Kränkung dazukommt. Ein Rechenbeispiel: Eine Person wünscht sich Sex etwa zweimal pro Woche, die andere einmal. Objektiv trennt beide ein einziges Mal – für die andere fühlt es sich aber an, „als ob er oder sie ständig will“. Was objektiv der Unterschied zwischen eins und zwei ist, wird im Erleben zum Unterschied zwischen „nie“ und „immer“. Über Zahlen lässt sich verhandeln. Über „nie“ und „immer“ nicht.
Und woher kommt das Soll? Selten aus dem eigenen Leben. Häufig aus Bildern – aus Filmen, aus dem Internet, aus Erzählungen, die alle an der entscheidenden Stelle aufhören. Ich erzähle Paaren gern, wie das Märchen weiterginge, wenn man es ehrlich erzählte: Der Prinz findet seine Prinzessin, sie sind einige Jahre glücklich, dann werden beide nachlässiger – mal bleibt das Zähneputzen aus, mal entweicht eine Blähung. Sie stellen fest, dass sie etwas für ihre Beziehung tun müssen, und suchen eine Paartherapie auf. Kein Märchen erzählt diesen Teil. Gemessen wird das eigene Liebesleben aber genau an solchen Erzählungen. Und das ist die gute Nachricht daran: Ein Maßstab, der aus Filmen und Erzählungen stammt, lässt sich leichter verändern als die Wirklichkeit.
Warum die Lust geht: ein Muster, kein Defekt
Kurz gesagt: Hinter nachlassender Lust steckt selten eine einzelne Ursache und noch seltener ein „kaputter“ Mensch. Meist wirken Alltag, Beziehungsdynamik und Körper zusammen – und oft ist die Unlust weniger ein Defekt als eine verständliche Reaktion auf die Umstände.
Wenn die Lust nachlässt, suchen viele Menschen die Ursache zuerst bei sich („Bin ich nicht mehr attraktiv?“) oder beim Partner („Liebt er mich nicht mehr?“). Die fachliche Einordnung ist unaufgeregter: In der Regel wirken mehrere Ebenen zusammen – der Alltag mit seiner Erschöpfung, die Beziehung mit ihren unausgesprochenen Kränkungen und Erwartungen, und der Körper mit Hormonen, Medikamenten, Lebensphasen (körperliche Ursachen gehören ärztlich abgeklärt). Welche Ebene bei Ihnen im Vordergrund steht, lässt sich aus der Ferne nicht sagen – und genau deshalb lohnt es sich, hinzuschauen statt zu raten.
Dazu kommt ein Widerspruch, der zum Wesen langer Beziehungen gehört. Die Paartherapeutin Esther Perel hat ihm ein ganzes Buch gewidmet; ihre These: Liebe sucht Sicherheit und Vertrautheit – Begehren aber lebt von Abstand, Überraschung und einem Rest Fremdheit. Genau das, was eine lange Beziehung so wertvoll macht, kann dem Begehren die Nahrung entziehen. Der Heidelberger Paar- und Sexualtherapeut Ulrich Clement denkt in eine ähnliche Richtung: Wenn zwei Menschen sich sexuell nur noch auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner bewegen – auf dem, was beide sicher nicht stört –, wird Sexualität zwar konfliktfrei, aber auch leblos. Beides sind Thesen aus der therapeutischen Praxis, keine bewiesenen Naturgesetze. Aber sie erklären, warum ausgerechnet liebevolle, harmonische Paare die Lust verlieren können – und warum das Schwinden des Begehrens kein Beweis ist, dass die Liebe endet.
Aus systemischer Sicht kommt eine dritte Perspektive dazu, und sie ist die entlastendste: Die Unlust eines Partners ist oft kein Eigenschaftsfehler dieser Person, sondern Teil eines Musters zwischen beiden. Ein Fachbeitrag zur Sexualtherapie nach dem Hamburger Modell beschreibt es sinngemäß so: Häufig wurzelten die sexuellen Schwierigkeiten eines Paares in dessen Beziehungsmustern – verändere sich die Beziehung, könnten sie überflüssig werden. Das ist ein anderer Blick als „einer von uns ist gestört“: Wenn die Unlust im Muster entsteht, kann sie sich mit dem Muster auch wieder verändern.
Noch etwas gehört in diesen Abschnitt, weil es Paare oft gegeneinander aufbringt: Menschen reagieren unterschiedlich auf Stress. In meiner Praxis erlebe ich immer wieder beide Varianten – die eine Person kann sich am besten entspannen, nachdem sie Sex hatte; die andere kann erst Sex haben, wenn sie entspannt ist. Das sind zwei völlig legitime Arten, mit Anspannung umzugehen – die sich im selben Bett gegenseitig blockieren können. Wer das weiß, hört auf, dem anderen seine Art vorzuwerfen.
Responsive Lust: Was nicht spontan kommt, ist nicht weg
Kurz gesagt: Die Sexualmedizinerin Rosemary Basson beschreibt – zunächst für Frauen in langen Beziehungen – neben der spontanen Lust, die von selbst auftaucht, die responsive Lust, die erst in der Situation entsteht – als Antwort auf Nähe, Zuwendung und stimmige Umstände. Wer keine spontane Lust mehr spürt, hat deshalb nicht „keine Libido mehr“.
Das ist vielleicht die wichtigste einzelne Erkenntnis dieses Beitrags, vor allem für die Person, die weniger Lust empfindet. Die kanadische Sexualmedizinerin Rosemary Basson hat um die Jahrtausendwende ein Modell entwickelt, das beschreibt, was viele Menschen – zunächst hatte Basson vor allem Frauen in langen Beziehungen im Blick – tatsächlich erleben: Die Lust muss nicht am Anfang stehen – sie kann unterwegs entstehen. Am Anfang steht etwas anderes – der Wunsch nach Nähe, die Bereitschaft, sich auf den Partner einzulassen, ein Abend ohne Druck. Die Erregung und mit ihr die Lust kommen dann, wenn die Situation stimmt. Spontanes und responsives Begehren sind dabei keine zwei Menschentypen, sondern zwei Wege, die nebeneinander vorkommen. Bassons erklärtes Anliegen war es, Menschen davor zu bewahren, als gestört zu gelten, nur weil ihre sexuelle Reaktion anders funktioniert als das Lehrbuchmodell: anders ist nicht krank.
Für Paare folgt daraus etwas sehr Praktisches. Wer wartet, bis die Lust von selbst kommt, wartet in einer langen Beziehung oft vergeblich – nicht weil die Lust tot wäre, sondern weil spontanes Begehren im vollen Alltag schlicht selten geworden ist. Wenn der Alltag voll ist, hat spontane Zweisamkeit schlechte Karten – warum sollte es dann falsch sein, sie sich in den Kalender zu schreiben? Wichtig ist nur, was da steht: nicht „Sex“, sondern Zeit füreinander. Ein Abend, der beiden gehört – und offen lässt, ob ab und zu auch mehr daraus wird. Das nimmt den Druck heraus und schafft zugleich genau die Umstände, in denen responsive Lust überhaupt entstehen kann.
Auch die Forschung zur Motivation zeigt in diese Richtung: In Studien der Arbeitsgruppe um Amy Muise hing die Zufriedenheit beider Partner mit den Motiven zusammen: Sexualität aus Annäherung – dem Wunsch, dem Partner nahe zu sein – ging mit höherer Zufriedenheit einher als Sexualität aus Vermeidung, etwa um Streit oder Enttäuschung abzuwenden. Und die Arbeitsgruppe um Gurit Birnbaum fand einen Zusammenhang zwischen der erlebten Responsivität des Partners – dem Gefühl, dass er wirklich auf einen eingeht – und dem eigenen Begehren. Einfacher gesagt: Begehren wächst selten auf Druck, aber durchaus auf Resonanz.
Eine wichtige Grenze beschreibt eine neuere Übersichtsarbeit der Arbeitsgruppe um Muise: Auf die Bedürfnisse des Partners einzugehen stützt die Beziehung – die eigenen Bedürfnisse dauerhaft zu übergehen kippt irgendwann ins Gegenteil. Entgegenkommen ist keine Einbahnstraße, und niemand ist der Bedürfnisbefriediger des anderen. Wer hier an den Beitrag über Nähe und Distanz denkt, liegt richtig – dort geht es um die emotionale Seite derselben Balance.
Der Kreislauf aus Drängen und Rückzug
Kurz gesagt: Einer sucht Annäherung, der andere weicht aus – und jede Reaktion verstärkt die andere. Beide versuchen zu lösen, und gerade das hält das Problem am Leben. Der Ausweg beginnt nicht damit, dass einer sein Verhalten ändert, sondern damit, dass beide das Muster sehen.
In meiner Paararbeit begegnet mir dieses Muster immer wieder: Eine Person versucht, durch mehr Gespräche, mehr Nachfragen, mehr Annäherung – manchmal auch mehr Druck – eine Veränderung herbeizuführen. Die andere erlebt genau das als Druck und zieht sich weiter zurück. Der Rückzug verstärkt beim Gegenüber die Angst vor noch mehr Distanz, und damit das Drängen. So verstärken beide mit ihrem Verhalten genau das, was sie verhindern wollen. Wichtig ist mir dabei: Beides sind Lösungsversuche. Das Drängen will die Beziehung retten, der Rückzug will sie vor Dauerkonflikt schützen. Keiner der beiden sabotiert – beide lösen, nur mit entgegengesetzten Mitteln und entgegengesetzter Wirkung. (Das gilt für das Muster, nicht für jede Handlung: Wo aus Drängen Druck gegen ein Nein wird, ist es kein Lösungsversuch mehr – dazu im Abschnitt Grenzen.) Diese Würdigung ist keine Höflichkeit, sie ist der erste Schritt der Veränderung.
Die Forschung hat beides untersucht – mit einem differenzierteren Ergebnis: Eine Studie der Sexualforscherinnen Kristen Mark und Sarah Murray mit 133 heterosexuellen Paaren verglich, was stärker mit der Zufriedenheit zusammenhängt – das eigene Verlangen nach dem Partner oder der Abstand zwischen den Bedürfnissen beider. Das eigene Verlangen erwies sich als der breitere Faktor; der Abstand spielte vor allem für die Zufriedenheit der Männer eine eigene Rolle. Und ein Nebenbefund derselben Studie räumt mit einem Klischee auf: Männer und Frauen waren gleich häufig die Person mit dem geringeren Verlangen. Der Kreislauf selbst – Drängen erzeugt Rückzug erzeugt Drängen – ist ein Konzept aus der klinischen Praxis; ausführlicher beschrieben ist er im Beitrag über Nähe und Distanz.
Warum hilft es so sehr, das Muster zu erkennen? Ich erzähle dazu gern ein Beispiel: Stellen Sie sich vor, Sie spielen zu zweit ein Spiel – und einer von Ihnen beiden weiß auf einmal, wie er jede Partie gewinnen kann. Glauben Sie, dass ihm das Spiel noch Spaß macht? Eben – wer immer gewinnt, mag nicht mehr spielen. Solange die Dynamik unsichtbar ist, spielt sie sich wie von selbst, Zug um Zug. Schon wenn einer von beiden sie durchschaut, läuft sie nicht mehr von allein; erkennen beide sie, verliert das Spiel seinen Reiz. Das beendet das Muster nicht über Nacht – aber es nimmt ihm die Selbstverständlichkeit, und genau das ist die gute Nachricht. Der Gedanke, dass Paare wiederkehrende „Spiele“ spielen, ohne es zu merken, ist übrigens älter als die Paartherapie selbst; Eric Berne hat ihn in den Sechzigerjahren berühmt gemacht. In der Beratung besteht der erste Schritt deshalb oft nur darin, den Kreislauf gemeinsam sichtbar zu machen – von außen, auf einer Ebene, auf der niemand mehr blind mitspielen muss. Aus „Du bist das Problem“ wird dann eine andere Frage: „Was passiert eigentlich zwischen uns?“
Und weil in diesem Kreislauf beide leiden, gehört beiden auch die Entlastung: Die Person, die mehr möchte, ist nicht „bedürftig“ oder „fordernd“ – sie nimmt den Mangel ernst. Die Person, die sich zurückzieht, ist nicht „gestört“ oder „kalt“ – sie schützt etwas: ihre Grenze, ihre Ruhe, manchmal die Beziehung selbst vor dem nächsten Konflikt. Es geht nicht darum, dass einer aufhört zu drängen oder einer aufhört auszuweichen. Es geht darum, gemeinsam eine andere Form des Umgangs mit Nähe und Distanz zu entwickeln.
Was Paare tun können, wenn Sex und Zärtlichkeit fehlen
Kurz gesagt: Zärtlichkeit von Sexualität entkoppeln, Zeit füreinander planen statt auf Spontanität warten, ohne Vorwurf über Wünsche sprechen – und, ein Gedanke aus der Paartherapie, die Verschiedenheit nicht als Bedrohung behandeln, sondern als das, woran Erotik sich neu entzünden kann.
Zärtlichkeit ist nicht Sex – und sollte es auch nicht ständig beweisen müssen. In vielen Beziehungen ist Berührung irgendwann automatisch mit der Erwartung von Sex verbunden. Dann wird selbst eine kleine Geste doppeldeutig: Für die eine Person heißt sie „Ich möchte dir nahe sein“, für die andere „Jetzt wird gleich wieder mehr erwartet“. So wird ausgerechnet die Berührung – das, was Nähe stiften könnte – zum Auslöser für Rückzug. Deshalb halte ich viel davon, Nähe und Sexualität wieder zu unterscheiden: Eine Umarmung, Händchenhalten, nebeneinander auf dem Sofa – das darf wieder gelten, ohne Fortsetzungsverpflichtung. Erst wenn Berührung frei von Erwartungsdruck ist, kann sie wieder das werden, was sie war: der kürzeste Weg zueinander.
Eine Beobachtung aus vielen Jahren Praxis – ich gebe sie ausdrücklich als Erfahrung weiter, nicht als Forschungsbefund, und sie beschreibt ein häufiges, kein allgemeines Muster bei Mann-Frau-Paaren: Viele Frauen können Berührung leichter zulassen oder sich sogar danach sehnen, wenn sie sich verstanden fühlen. Und viele Männer können besser zuhören, wenn man sie berührt. Wenn das stimmt, warten beide aufeinander – jeder darauf, dass der andere den ersten Schritt in seiner Sprache macht. In der Beratung lade ich Paare dann manchmal ein, es probeweise andersherum zu versuchen – wenn beide das wollen: Sie berührt beim Erzählen kurz sein Knie oder seine Schulter – dabei geht es nicht um Sexualität. Und er fragt wirklich neugierig nach, wenn sie erzählt, auch ohne Berührung. Nicht immer. Aber immer öfter.
Über Wünsche sprechen, nicht über Defizite. Sätze, die mit „Du willst ja nie…“ oder „Du denkst immer nur an…“ beginnen, sind Anklagen, und auf Anklagen antworten Menschen mit Verteidigung, nicht mit Lust. Tragfähiger ist die Ich-Form: was ich vermisse, was ich mir wünsche, wovor ich mich fürchte. Das ist kein Kommunikationstrick, sondern eine andere Haltung – sie macht aus dem Verhör ein Angebot. Auch die vielzitierte Alltagswertschätzung, die John Gottman für die Zufriedenheit in Ehen beschreibt, gehört hierher – übertragen auf das Begehren heißt das für mich: Es wurzelt selten im großen Ereignis, öfter in der Summe kleiner Zuwendungen davor.
Die Verschiedenheit nutzen statt wegharmonisieren. Hier treffen sich zwei Denkrichtungen, die mir wichtig sind. Ulrich Clement schlägt vor, die unterschiedlichen sexuellen Profile beider Partner nicht als Problem zu behandeln, sondern als das eigentliche erotische Potenzial: Nicht das, worauf beide sich längst geeinigt haben, macht neugierig – sondern das, worin sie sich unterscheiden. Und David Schnarch hat das Konzept der Differenzierung – ursprünglich aus der Familientherapie Murray Bowens – auf die Paarsexualität übertragen: Reife Paarsexualität lebt demnach gerade davon, verbunden zu bleiben und eigenständig – sich zu zeigen, statt zu verschmelzen. Beides sind therapeutische Denkmodelle, keine Rezepte. Aber sie drehen den Blick in eine hoffnungsvolle Richtung: Ihre Unterschiedlichkeit ist nicht der Grund, warum es nicht mehr geht. Sie ist das Material, aus dem etwas Neues entstehen kann.
Und manchmal reicht es, das Setting zu verändern. Ein Beispiel, das mir in meiner Ausbildung erzählt wurde und das ich seither gern weitergebe: Einem Paar wurde geraten, die Plätze im Bett zu tauschen. In der Nacht musste der Mann auf dem Weg ins Bad über seine Frau klettern – und erinnerte sich … Man muss dieses Beispiel nicht wörtlich nehmen. Aber es zeigt, wie wenig es manchmal braucht, um eine eingefahrene Choreografie zu unterbrechen – und wie viel Humor dabei erlaubt ist.
Hoffnung – für beide
Kurz gesagt: Ich verspreche Paaren keine bestimmte Entwicklung. Aber festgefahrene Muster können sich verändern, wenn beide sie gemeinsam verstehen – und oft entsteht dabei nicht das Alte wieder, sondern etwas Neues.
Was darf ein Paar realistisch hoffen? Ich bin bei Versprechen zurückhaltend: Es gibt keine Garantie, dass die körperliche Nähe wieder so wird wie früher. Aber es gibt etwas, das ich aus meiner Erfahrung sagen kann: Auch lang eingefahrene Muster können sich verändern, wenn beide beginnen, sie gemeinsam zu verstehen und anders miteinander umzugehen. Manchmal entsteht daraus wieder mehr körperliche Nähe. Manchmal verändert sich die Beziehung auf andere Weise. Und gelegentlich wird in einer Paartherapie auch deutlicher, dass eine Trennung der ehrlichere Weg wäre – auch das gehört zur Wahrheit dieses Berufs. Meine Hoffnung für Paare besteht deshalb nicht darin, jede Beziehung um jeden Preis zu erhalten. Sie besteht darin, dass beide wieder handlungsfähig werden, sich nicht länger als Täter und Opfer sehen – und befreiter leben können, miteinander oder auch getrennt. Und manchmal entsteht gerade dann, wenn beide von ihren Vorstellungen lassen, wie alles zu sein hat, etwas, das keiner von beiden erwartet hat – eine Nähe, die anders trägt als die alte.
Von Peter Nemetschek, einem meiner Lehrer, habe ich dafür ein Bild übernommen, das ich Paaren manchmal zeige: den Lebensfluss. Zwei Menschen fließen nebeneinander in die Zukunft – gemeinsam, aber jeder in seinem Tempo, mal mit mehr, mal mit weniger Abstand. Dann ist es sinnvoll, dem anderen Zeit zu geben oder ihn zu unterstützen, wieder leichter zu fließen – statt zu fordern, dass beide jederzeit gleichauf schwimmen. Und von Gunther Schmidt stammt der zweite Gedanke, der in dieses Bild gehört: Worauf ich meine Aufmerksamkeit richte, bestimmt mit, welche Wirklichkeit ich erlebe. Ein Paar, das monatelang nur noch auf das geschaut hat, was fehlt, hat meist aus dem Blick verloren, was trägt – die eigenen Ressourcen und die gemeinsamen. Den Fokus zu verschieben ändert nicht sofort das Verhalten. Aber es ändert, was möglich erscheint. Und das ist oft der Anfang.
Grenzen
Vier Einschränkungen gehören in diesen Text. Erstens: Ich arbeite als systemischer Paar- und Familientherapeut an der Beziehungsdynamik rund um Nähe und Sexualität – daran, wie zwei Menschen über Nähe sprechen, was zwischen ihnen passiert, welche Erwartungen und Verletzungen dahinter stehen. Sexuelle Funktionsstörungen selbst behandle ich nicht – das bleibt ärztliche und sexualtherapeutische Aufgabe. Geht es vorrangig um körperliche Ursachen, Schmerzen, hormonelle Fragen oder eine gezielte sexualtherapeutische Behandlung, verweise ich dorthin.
Zweitens: Nicht jede dauerhafte Unlust ist „erworben“. Es gibt Menschen, die sexuelle Anziehung grundsätzlich nicht oder kaum erleben – Asexualität wird in der Fachliteratur als Orientierung beschrieben, nicht als Störung und nicht als Beziehungsschaden. Auch diese Unterscheidung kann in einer Beratung Platz haben.
Drittens: Der Kreislauf, den dieser Beitrag beschreibt, meint wechselseitige Lösungsversuche – er endet dort, wo aus Werben Druck wird. Ein Nein gilt, auch in einer langen Beziehung; niemand schuldet dem anderen Sexualität. Wer sich zu körperlicher Nähe gedrängt oder genötigt fühlt, erlebt keine Beziehungsdynamik, sondern eine Grenzverletzung – und darf sich dafür Unterstützung holen, auch allein.
Viertens: Dieser Beitrag erklärt Muster, er ersetzt keine Beratung. Ob hinter Ihrer Situation Alltagserschöpfung steckt, ein eingefahrener Kreislauf oder etwas Drittes, lässt sich aus der Ferne nicht beurteilen – und Diagnosen über einen Text stelle ich grundsätzlich nicht.
Was Sie jetzt tun können
Wenn Sie sich in diesem Text wiedergefunden haben, muss der erste Schritt keine Paartherapie sein. Oft reicht ein Anfang zu zweit, in einer ruhigen Stunde und ohne Vorwurf: Was vermisst jeder von uns – und was davon wäre das Leichteste, es einander wieder zu geben? Vielleicht ist es zunächst gar nicht der Sex, sondern die Umarmung ohne Absicht. Erst wenn dieses Gespräch immer wieder im selben Kreislauf endet, kann ein moderierter Rahmen helfen. Das Ersttelefonat kostet nichts; ob es danach weitergeht, entscheiden Sie.
Häufige Fragen zu Nähe und Sexualität
Ist es normal, dass in einer langen Beziehung die Lust nachlässt?
Ja – das erleben viele Paare. In einer großen britischen Studie berichteten 34,2 % der sexuell aktiven Frauen und 15,0 % der sexuell aktiven Männer über fehlendes sexuelles Interesse über mindestens drei Monate. Entscheidend ist nicht die Häufigkeit, sondern ob der Abstand zwischen Wunsch und Wirklichkeit für einen von beiden zum Leidensdruck wird.
Kann eine Beziehung ohne Sex funktionieren?
Ja – wenn beide damit zufrieden sind. Problematisch wird fehlende Sexualität erst durch die Diskrepanz: wenn eine Person darunter leidet und die andere den Druck spürt. Dann hilft weniger die Frage „Wie oft ist normal?“ als ein ehrliches Gespräch darüber, was jeder vermisst.
Warum will mein Partner keinen Sex mehr mit mir?
Das lässt sich pauschal nicht beantworten – fehlende Liebe ist aber nur eine von vielen möglichen Erklärungen. Oft wirken Erschöpfung, Stress, unausgesprochene Kränkungen oder Erwartungsdruck zusammen – und häufig ist die Unlust Teil eines Kreislaufs, in dem Drängen und Rückzug einander verstärken. Auch körperliche Ursachen sind möglich und gehören ärztlich abgeklärt.
Ich habe keine Lust mehr – stimmt etwas nicht mit mir?
Fehlende Lust ist kein Defekt und keine Diagnose. In langen Beziehungen ist nachlassende spontane Lust verbreitet – oft eine verständliche Reaktion auf Alltag, Erwartungsdruck oder den Kreislauf aus Drängen und Rückzug. Ob mehr dahintersteckt, etwa körperliche Ursachen, lässt sich ärztlich abklären. Und ein Nein bleibt legitim: Niemand schuldet dem anderen Sexualität.
Was ist responsive Lust?
Lust, die nicht spontan von selbst auftaucht, sondern erst in der Situation entsteht – als Antwort auf Nähe, Zuwendung und stimmige Umstände. Das Modell stammt von der Sexualmedizinerin Rosemary Basson, die es zunächst für Frauen in langen Beziehungen entwickelt hat. Wer keine spontane Lust mehr spürt, ist deshalb nicht gestört – anders ist nicht krank.
Hilft es, Sex zu planen?
Zeit füreinander zu planen hilft – im Kalender sollte aber nicht „Sex“ stehen, sondern Zweisamkeit: ein Abend, der beiden gehört und offen lässt, ob mehr daraus wird. Das schafft die Umstände, in denen Lust entstehen kann, ohne den Druck, der sie verhindert.
Wann sollten wir uns Unterstützung holen?
Wenn das Gespräch über Nähe immer wieder im selben Streit oder im selben Schweigen endet – oder wenn einer von Ihnen beginnt, sich dauerhaft als „das Problem“ zu fühlen.
Quellen
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- Haltungsreferenzen aus der Ausbildung des Autors, ohne Publikationsnachweis: Peter Nemetschek (Lebensfluss-Bild), Gunther Schmidt (Soll-Ist-Diskrepanz, Aufmerksamkeitsfokus).