Fachbeitrag · Reinhard Egger, Paar- und Familientherapeut (DGSF)
Wie viele Paare trennen sich nach einer Paartherapie?
Was die Forschung wirklich hergibt – und die Frage, die dahinter steht.
Wenn Sie das hier lesen, ist wahrscheinlich gerade nicht der einfachste Abschnitt Ihres Lebens. Und Sie hätten gern eine Zahl.
Dann fange ich damit an, und zwar mit der ehrlichsten, die ich kenne. In der methodisch besten Langzeitstudie zu dieser Frage wurden 134 Ehepaare fünf Jahre lang begleitet. Es waren ausdrücklich nicht die einfachen Fälle, sondern Paare, die als chronisch und schwer belastet eingestuft worden waren.
Fünf Jahre nach der Therapie waren drei von vier dieser Paare noch zusammen. Rund der Hälfte von ihnen ging es deutlich besser als vorher.
Dieselbe Studie sagt auch: Ein Viertel hatte sich getrennt. Beide Sätze stammen aus derselben Untersuchung, und beide gehören zur Wahrheit.
Was mir daran wichtiger ist als jede Prozentzahl, ist ein Nebenbefund aus einer anderen Untersuchung. Man hat dort auch die Paare beobachtet, die im selben Zeitraum auf einen Therapieplatz warteten und nichts weiter taten. Bei ihnen veränderte sich statistisch nichts. Die Krise wuchs sich nicht aus, sie ging aber auch nicht von selbst vorbei.
Das ist der eigentliche Unterschied. Nicht zwischen Glück und Pech, sondern zwischen Tun und Abwarten.
Die kurze Antwort, falls Sie gerade nicht weiterlesen möchten
- Bei den am schwersten belasteten Paaren waren fünf Jahre nach einer Paartherapie drei von vier noch zusammen; rund der Hälfte ging es deutlich besser.
- Ein Viertel hat sich getrennt. Meist geordneter, als es ohne Begleitung geworden wäre.
- Belastete Paare, die abwarten, verbessern sich statistisch nicht. Von allein wird es nicht besser.
- Niemand kann Ihnen sagen, wie es bei Ihnen ausgeht. Ich auch nicht. Wer es behauptet, verkauft Ihnen etwas.
- Den größten belegbaren Einfluss haben Sie nicht auf Ihren Partner, sondern auf das, was Sie beide miteinander herstellen.
Alles Weitere ist die Begründung dafür. Lesen Sie sie, wenn Sie den Kopf dafür haben.
Warum es die eine Erfolgsquote nicht geben kann
Wenn Sie zu diesem Thema recherchieren, finden Sie meist zwei Sorten von Antworten. Die eine verspricht Erfolgsquoten von 70, 80, 90 Prozent. Die andere warnt, Paartherapie sei am Ende nur der geordnete Weg in die Trennung. Beides ist zu einfach, und zwar aus drei Gründen.
Der erste: Was gilt in der Forschung überhaupt als Erfolg? Fast immer dasselbe, nämlich ein messbarer Anstieg der Beziehungszufriedenheit über eine bestimmte Schwelle. Nicht: „Das Paar bleibt zusammen." Ein Paar, das sich in gegenseitigem Respekt trennt und die Elternschaft tragfähig regelt, taucht in dieser Statistik als Misserfolg auf. Im Leben der Beteiligten ist es das oft nicht.
Der zweite: Studienbedingungen sind nicht Praxisbedingungen. In Wirksamkeitsstudien arbeiten hochtrainierte Therapeutinnen nach Handbuch mit ausgewählten Paaren, die sich auf ein festes Setting eingelassen haben. In meine Praxis kommen Paare mit Erschöpfung, Krankheit, Geldsorgen, Affären und pflegebedürftigen Eltern, oft alles zusammen.
Der dritte: Der Messzeitpunkt entscheidet. Direkt nach einer Therapie sehen die Zahlen etwa doppelt so gut aus wie einige Jahre später.
Wer Ihnen eine einzige Erfolgsquote nennt, hat mindestens einen dieser drei Punkte unterschlagen.
Die Zahlen, so genau ich sie kenne
Zurück zu den 134 Paaren vom Anfang. Sie erhielten rund acht Monate Paartherapie und wurden anschließend fünf Jahre lang nachverfolgt. Zum Therapieende zeigten etwa zwei Drittel eine deutliche Verbesserung. Fünf Jahre später waren es noch rund 50 Prozent, und 26 bis 28 Prozent der Paare hatten sich getrennt.
Das ist, soweit die Forschung reicht, die belastbarste Antwort auf die Ausgangsfrage.
Außerhalb von Studien sieht es nüchterner aus. Der Freiburger Psychologe Christian Roesler hat den Forschungsstand für den deutschsprachigen Raum aufgearbeitet und anschließend in vier eigenen Untersuchungen unter realen Praxisbedingungen nachgemessen, in Deutschland und in der Schweiz. Die Ergebnisse erschienen im Mai 2026 in der Fachzeitschrift Family Process. Während experimentelle Studien auf eine Effektstärke von etwa 0,8 kommen, liegt sie in der alltäglichen Versorgung bei 0,36 bis 0,44. Weniger als 40 Prozent der Paare erreichen eine klinisch bedeutsame Verbesserung, rund die Hälfte beendet die Begleitung vorzeitig. Die Fachwelt nennt diesen Abstand den Efficacy-Effectiveness-Gap.
„Entscheidend ist am Ende weniger die Frage, ob Paartherapie wirkt, sondern unter welchen Bedingungen sie wirkt – und wie wir Paare früher erreichen können."
Christian Roesler, Katholische Hochschule Freiburg, Juli 2026
Um diesen Satz geht es in diesem ganzen Text.
Ein Zwischenstück: die Geschichte einer Zahl
Wenn Sie weiter recherchieren, werden Sie früher oder später auf eine bestimmte Angabe stoßen: 77 Prozent Erfolgsquote, wenn beide Partner die Therapie wirklich wollen.
Die Zahl klingt gut. Sie passt zu allem, was man sich wünscht, und sie steht auf sehr vielen Seiten. Ich habe sie zurückverfolgt.
Ihr Ursprung ist eine Online-Befragung von 906 Personen, durchgeführt von einer Marktforschungsgesellschaft und veröffentlicht im März 2014. Befragt wurde nicht etwa eine Gruppe von Klientinnen und Klienten, sondern die Allgemeinbevölkerung ab 18 Jahren. Erfolg wurde nicht gemessen, sondern von den Befragten im Rückblick selbst eingeschätzt. Es gibt keine Vergleichsgruppe, keine standardisierten Messinstrumente, keine Messung vor und nach der Therapie, keinen veröffentlichten Methodenbericht und keinen genannten Auftraggeber. Die 77 Prozent beziehen sich zudem nur auf eine Teilgruppe innerhalb dieser Stichprobe.
Von dort wanderte die Zahl auf die Websites von Praxen, verlor unterwegs ihre Methodenangabe, wurde zur „Studie" und steht heute in Texten künstlicher Intelligenz gleichberechtigt neben wissenschaftlichen Übersichtsarbeiten. Mir ist sie selbst schon in Antworten begegnet, in denen sie mit einer seriösen Forschungsarbeit in einer Quellenzeile stand.
Ich erzähle das niemandem zum Vorwurf. Ich erzähle es, weil es die nützlichste Antwort auf Ihre Ausgangsfrage ist, die ich habe: Prüfen Sie bei jeder Prozentzahl zu diesem Thema, ob dabeisteht, wer wen wie lange womit untersucht hat. Auch bei den Zahlen in diesem Text.
Führt eine Paartherapie zur Trennung?
Diese Sorge ist der zweite große Teil dessen, wonach gesucht wird, und sie verdient eine direkte Antwort.
Nein. Es gibt keine Studie, die zeigt, dass Paartherapie das Trennungsrisiko erhöht. Die 26 Prozent nach fünf Jahren betreffen Paare, die schon vor Beginn schwer belastet waren. Wie viele von ihnen sich ohne Begleitung getrennt hätten, lässt sich seriös nicht erheben, weil man dafür einer Vergleichsgruppe die Hilfe verweigern müsste.
Was in einer Begleitung durchaus geschieht: Sie beschleunigt manchmal eine Klärung, die ohnehin anstand. Was jahrelang in der Schwebe gehalten wurde, wird ausgesprochen. Manche Paare merken dabei, dass mehr Substanz da ist, als sie dachten. Andere merken, dass die Entscheidung längst gefallen war und nur noch niemand sie aussprechen wollte.
Auch das kommt in meiner Praxis vor. Nach wenigen Terminen zeichnet sich eine Richtung ab, und eine Trennung wird ausgesprochen. Was ich in diesen Fällen ausnahmslos erlebt habe: Die Paare waren froh, das nicht allein und nicht im Streit entwickelt zu haben, sondern in einem Raum, in dem beide gehört wurden.
Der Unterschied liegt selten darin, ob getrennt wird. Er liegt darin, wie. Mit oder ohne Verständnis für den eigenen Anteil. Mit oder ohne jahrelange Eskalation. Mit oder ohne eine Elternebene, die danach noch trägt.
Ein Einschub: Nein, nicht jede zweite Ehe wird geschieden
Der Satz steht in unzähligen Ratgebertexten. Das Statistische Bundesamt widerspricht ausdrücklich und nennt ihn einen Mythos.
Die belastbare Kennzahl ist die zusammengefasste Scheidungsziffer. Sie ist eine Modellrechnung und beantwortet die Frage: Wie viele von 1.000 geschlossenen Ehen würden langfristig geschieden, wenn das Scheidungsverhalten so bliebe wie heute? 2004 lag sie auf ihrem Höchststand bei 42,5 Prozent, für das Berichtsjahr 2025 bei 28,4 Prozent. Der verbreitete Fehler entsteht durch eine unzulässige Rechnung: Scheidungen eines Jahres geteilt durch Eheschließungen desselben Jahres. Das vergleicht Heiratsjahrgänge, die nichts miteinander zu tun haben.
Warum das hierhergehört: Wer glaubt, die Hälfte aller Ehen scheitere ohnehin, zieht daraus einen von zwei Schlüssen. Entweder „dann ist es wohl normal" oder „dann ist es sowieso egal". Beide beruhen auf einer falschen Zahl.
Die eigentliche Frage: Haben wir Einfluss?
2020 erschien eine Untersuchung, die für dieses Thema mehr geleistet hat als jede Erfolgsquote. Ein internationales Team um Samantha Joel wertete mit maschinellem Lernen 43 Längsschnittstudien mit 11.196 Paaren aus, über 22.000 Personen und mehr als 2.400 erhobene Merkmale.
Das Ergebnis war in beide Richtungen unbequem.
Rund 45 Prozent der Beziehungszufriedenheit ließen sich durch die eigene Wahrnehmung der Beziehung erklären. Vor allem durch vier Größen: das wahrgenommene Engagement des Partners, erlebte Wertschätzung, sexuelle Zufriedenheit und das Konfliktniveau. Die individuellen Merkmale des Partners – Persönlichkeit, Befindlichkeit, Bindungsstil – erklärten dagegen gerade einmal fünf Prozent. Die eigenen individuellen Merkmale kamen immerhin auf 19 Prozent.
Das ist die ermutigende Hälfte des Befunds. Der Satz „Wenn er oder sie nur anders wäre" ist empirisch die schwächste aller Erklärungen. Was eine Beziehung ausmacht, spielt sich weit überwiegend im Zwischenraum ab, in dem, was zwei Menschen miteinander herstellen und wie sie es erleben. Und dieser Zwischenraum ist veränderbar.
Die andere Hälfte ist demütigend, auch für mich. Wie sich die Beziehungsqualität im Lauf der Zeit entwickelte, war nach dem Urteil der Autorinnen und Autoren „largely unpredictable", also weitgehend unvorhersagbar. Keine Kombination der über 2.400 Merkmale klärte mehr als rund fünf Prozent dieser Veränderung auf.
Wenn 11.196 Paare und der ganze Apparat des maschinellen Lernens hier an eine Grenze stoßen, dann kann auch niemand seriös eine Erfolgswahrscheinlichkeit für Ihre Beziehung beziffern.
Wo liegt der Einfluss dann genau? Das brauchbarste Modell dafür stammt von Benjamin Karney und Thomas Bradbury, entwickelt aus 115 Längsschnittstudien mit über 45.000 Ehen. Sie unterscheiden drei zusammenwirkende Größen:
- Mitgebrachte Verletzlichkeiten: Bindungserfahrungen, Prägungen aus der Herkunftsfamilie. Die sind weitgehend gegeben. Man kann sie verstehen und milder betrachten, aber nicht abwählen.
- Belastungen: Krankheit, Geburt eines Kindes, Arbeitslosigkeit, Pflege von Angehörigen. Die sind meist nicht frei gewählt und werden regelmäßig unterschätzt.
- Bewältigungsprozesse: die Art, wie ein Paar mit Differenzen und Belastungen umgeht.
Hier, und im Wesentlichen nur hier, liegt der Einfluss. Und genau hier setzt eine Begleitung an.
Was den Unterschied macht: die Arbeitsbeziehung
Wenn Sie mich fragen, welcher einzelne Faktor am stärksten darüber entscheidet, ob eine Paarbegleitung etwas bewirkt, dann ist es nicht die Methode. Es ist die Frage, ob zwischen Ihnen beiden und mir eine tragfähige Arbeitsbeziehung entsteht.
Das ist nicht nur meine Erfahrung. Eine Metaanalyse über 40 Untersuchungen zeigt für die Paar- und Familientherapie einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Qualität dieser Arbeitsbeziehung und dem Ergebnis. Und, das ist der für Paare entscheidende Befund: Die gemeinsame Arbeitsbeziehung beider Partner sagt das Ergebnis besser vorher als die jeweils einzelne. Und je größer das Gefälle zwischen beiden ist, desto schlechter fällt das Ergebnis aus. Wenn einer sich verstanden fühlt und der andere den Therapeuten auf der Gegenseite wähnt, ist das erfahrungsgemäß auch einer der Gründe, aus denen eine Begleitung vorzeitig endet.
In meiner Ausbildungstradition hat das seit Jahrzehnten einen Namen: Allparteilichkeit. Ich bin für beide da, gleichzeitig, ohne Schiedsrichter zu sein.
Wie das praktisch aussieht, habe ich bei Gunther Schmidt gelernt. Wenn eine Frau mir den Auftrag gibt, ihren Mann zu verändern, dann mache ich mein Dilemma sichtbar, statt es zu umgehen. Nehme ich diesen Auftrag an, kommt ihr Mann nicht mehr. Nehme ich den umgekehrten an, kommt sie nicht mehr. Und dann werbe ich für einen gemeinsamen Auftrag, den kleinsten gemeinsamen Nenner.
Der darf ganz banal sein. Manchmal lautet er: Wie schaffen wir es, einen schönen Abend pro Woche zu haben, an dem sich beide verstanden fühlen? Manchmal ist er noch kleiner und heißt schlicht: Wir nehmen gemeinsam drei Termine wahr. Das genügt als Anfang.
Ob es passt, klären wir übrigens gleich zu Beginn. Das habe ich mir vor vielen Jahren angewöhnt, nachdem ein Paar von meinem Praxisraum enttäuscht war. Sie hatten sich offenbar etwas mit Marmor und Springbrunnen vorgestellt. Es ist bis heute das einzige Mal geblieben, dass es nicht gepasst hat, aber seither spreche ich Erwartungen lieber vorher an.
Was ich Ihnen dabei zusichere: Ich habe auch innerhalb der Begleitung Schweigepflicht gegenüber Ihrem Partner. Wenn einer von Ihnen allein zu einem Termin kommt, geht davon nichts weiter außer dem, was wir vorher gemeinsam besprochen haben.
Zur Abbruchquote, und warum ich anders zähle
Rund die Hälfte der Paare beendet eine Paartherapie vorzeitig. Das ist die höchste Abbruchquote im gesamten Feld der Psychotherapie, mehr als doppelt so hoch wie in der Einzeltherapie. Der Grund liegt in der Konstruktion: Zwei Menschen müssen sich gleichzeitig auf etwas einlassen, das beide unterschiedlich stark wollen. Steigt einer aus, endet es, auch wenn der andere weitermachen würde.
Ich arbeite deshalb ohne festen Behandlungsplan. Wir vereinbaren von Stunde zu Stunde. Die meisten nehmen zunächst drei oder vier Termine relativ zügig wahr. Oft reicht das schon, manchmal folgen später einzelne Termine in größeren Abständen. Wer sich nicht mehr meldet, hat keinen Vertrag gebrochen, denn es gab keinen.
Damit habe ich keine Abbrüche. An dieser Stelle muss ich aber ehrlich sein, sonst wäre der ganze Text nichts wert: Das heißt nicht, dass es bei mir besser läuft. Es heißt, dass mein Setting es nicht misst. Ich erfahre in den meisten Fällen nicht, wie es weitergegangen ist. Ich gehe davon aus, dass Menschen sich melden, wenn sie etwas brauchen, und dass Schweigen meistens ein gutes Zeichen ist. Belegen kann ich das nicht. Wenn ich mir wirklich Sorgen mache, rufe ich an. Das kommt selten vor.
Eine eigene Erfolgsquote werde ich Ihnen deshalb nie nennen. Ich habe keine Daten, und jede Zahl, die ich Ihnen nennen würde, wäre genau die Sorte Zahl, vor der dieser Text warnt.
Wie ich arbeite
Das Basislager. Beim Besteigen eines hohen Berges richtet man sich auf einigen tausend Metern Höhe ein Basislager ein. Dort muss sich der Körper erst akklimatisieren, es werden neue Blutkörperchen gebildet, bis er fit genug ist weiterzugehen. Den ersten Teil meiner Begleitung verstehe ich genauso. Wir schaffen erst die Voraussetzungen. Danach sind die nächsten Schritte viel leichter. Und solange man diese Voraussetzungen nicht hat, kann man sich oft gar nicht vorstellen, dass ein Weitergehen überhaupt möglich ist.
Der Waffenstillstand. Für die Zeit unserer Arbeit schlage ich vor, die strittigen Themen zu Hause nicht mehr auszutragen. Nicht verschweigen, sondern aufschreiben und mitbringen. Ich garantiere, dass ich mir alles anhöre. Für Einzelne gilt dasselbe sinngemäß, dann ist es ein Waffenstillstand mit sich selbst.
Wie lange? Der kleinste Rahmen sind vier Wochen für die ersten Termine. Wenn es um längere Prozesse geht und Geduld gefragt ist, schlage ich neun Monate vor, wie bei einer Schwangerschaft. Sechs Monate machen Druck, ein Jahr fühlt sich zu lang an. Neun Monate tragen das Versprechen schon in sich, dass am Ende etwas Gutes herauskommt.
Der Vertrauensvorschuss. Ich bitte Paare am Anfang um einen Vertrauensvorschuss, einfach als erfahrene ältere Fachkraft. Ich sage das offen, weil es ehrlicher ist, als so zu tun, als wirke allein die Methode.
Warum Gefühle dem Verhalten folgen
Vor gut zwanzig Jahren erlebte ich bei einer Fortbildung eine Paarsitzung, die ich nie vergessen habe. Die Frau forderte, ihr Mann solle dafür sorgen, dass sie sich wieder in ihn verlieben könne. Der Kollege, der die Sitzung führte, sagte ruhig: Nach der neueren Emotionsforschung treffe man selbst die Entscheidung, ob man sich verlieben wolle oder nicht.
Der Satz veränderte die Sitzung augenblicklich. Aus einer Aufgabe, die einer allein zu erfüllen hatte, wurde etwas Gemeinsames. Von da an war konstruktiv zu arbeiten.
Ich erzähle diese Geschichte bis heute und sage dazu, dass ich die Forschungslage zu diesem Satz nicht kenne. Ein Teil der Wirkung kam damals sicher aus dem Rahmen und aus der Autorität der Ausbilder. Das gehört zur Wahrheit dazu. Aber schon ein Beobachter verändert ein System, ein Berater erst recht, und der Perspektivwechsel, den dieser Satz auslöste, war echt. Das Paar ist bis heute zusammen.
Was ich seither daraus mache, ist bescheidener und überprüfbarer: Sie entscheiden nicht über Ihre Gefühle. Sie entscheiden über das, was Sie tun. Und was Sie tun, verändert, was Sie fühlen.
Wie das aussieht, zeige ich Paaren mit einem Ritual, für das ich vier Stühle aufstelle. Zwei stehen sich gegenüber wie im Zug. Dort erzählen sich beide ein schönes gemeinsames Erlebnis. Zwei weitere stehen für eine alte, zunächst kleine Kränkung. Dass man körperlich die Position wechselt, macht den Unterschied in der Empfindung unmittelbar spürbar.
Ich biete dabei an, das Erzählte zu „übersetzen", und ergänze die Gefühle, die beim Erzählen weggelassen wurden. Aus „Du hast mir Rosen mitgebracht, das hat mir gefallen" wird dann: Das hat mir nicht nur gefallen, es hat mich tief berührt. Erst habe ich gezweifelt, was der denn jetzt will. Und dann habe ich mich erinnert, an früher, als ich gespürt habe, dass du der Richtige bist. Wenn ich danebenliege, werde ich sofort korrigiert. Auch das ist ein Gewinn, denn dann kommt die richtige Version.
Auf den anderen Stühlen geht es umgekehrt. Aus „Du hast vergessen, die Milch mitzubringen" wird: und das hat mich nicht nur geärgert, es hat mir das Gefühl gegeben, dass ich es nicht wert bin, dass du an mich denkst. Der andere übt dabei nur eines, nämlich zu zeigen, dass er zu verstehen versucht. Keine Diskussion, keine Rechtfertigung.
Allein dass ich diese Diskussion stoppe, verändert meistens die gesamte Stimmung im Raum.
Zwei Dinge werden dabei jedes Mal sichtbar. Erstens: Es gibt immer beide Seiten, und beide brauchen aktive Zuwendung. Zweitens: Wir schauen von Natur aus stärker auf das Bedrohliche als auf das Gute. Die psychologische Forschung hat das vielfach bestätigt. Evolutionär war das sinnvoll, wer die Gefahr übersah, überlebte nicht. Nur leben wir nicht mehr in der Steinzeit. Wer heute deutlich länger zusammenbleiben möchte als unsere Vorfahren, und dabei möglichst auch etwas glücklicher, muss dem etwas aktiv entgegensetzen. Von selbst stellt es sich nicht ein.
Grenzen
Es gibt Situationen, in denen gemeinsame Gespräche nicht das Richtige oder nicht das Einzige sind. Ich benenne das offen, wenn es sich zeigt.
Wenn ich Hinweise auf eine schwere psychische Erkrankung sehe, empfehle ich dringend eine zusätzliche fachliche Behandlung und mache einen Nachweis darüber zur Bedingung dafür, dass wir weiterarbeiten. Bei Anzeichen akuter Suizidalität sage ich schon vorab, dass ich im Notfall sofort den Rettungsdienst hinzuziehe. Und für die Zeit unserer gemeinsamen Arbeit gilt die Vereinbarung, dass es keine Gewalt gibt. Daran halte ich fest, ohne Ausnahme.
Diese Klarheit schränkt die Arbeit nicht ein. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass sie überhaupt möglich wird.
Was Sie jetzt tun können
Sie haben Einfluss. Nicht auf alles und nicht auf den anderen – dessen individuelle Merkmale erklären rund fünf Prozent. Aber auf das, was Sie miteinander herstellen: erlebte Wertschätzung, das Gefühl, dem anderen wichtig zu sein, und die Art, wie Sie Belastungen tragen, nebeneinander oder gemeinsam.
Ich arbeite mit zwei Sätzen, die ich Paaren gerne mitgebe, weil sie zu verschiedenen Phasen passen.
Ein bisschen was geht immer. Das ist der Satz für den Anfang, wenn alles unbeweglich scheint und man sich nicht vorstellen kann, wo man anfangen soll. Es muss kein großer Schritt sein.
Nicht immer, aber immer öfter. Das ist der Satz für die Mitte, wenn die alten Muster zurückkommen. Sie kommen zurück. Das ist normal und kein Rückfall in den Anfang. Sie werden nur seltener.
Und für heute Abend, falls Sie das hier spät lesen: Treffen Sie jetzt keine großen Entscheidungen. Schlafen Sie ein- oder zweimal darüber. Das gilt für den Entschluss zu gehen genauso wie für den Entschluss zu bleiben.
Dieser Beitrag bietet Orientierung, er ist jedoch keine akute Krisenhilfe und ersetzt keine medizinische oder psychotherapeutische Notfallbehandlung. Wenn Sie das Gefühl haben, dass es im Moment nicht mehr weitergeht, oder wenn Gedanken auftauchen, die Ihnen selbst Angst machen: Sie müssen damit nicht allein bleiben.
- Krisendienst Oberbayern – bei seelischen Notlagen direkt in unserer Region: 0800 655 3000 (rund um die Uhr, kostenfrei)
- Telefonseelsorge (bundesweit) – auch mitten in der Nacht: 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123 (rund um die Uhr, kostenfrei)
- Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ – bei häuslicher Gewalt, Bedrohung oder extremen Partnerschaftskonflikten: 116 016 (rund um die Uhr, kostenfrei und anonym)
In akuter Gefahr für Leib und Leben wählen Sie bitte ohne Zögern: Rettungsdienst & Feuerwehr 112, Polizei 110.
Und wenn Sie mögen, schreiben Sie mir. Manche schreiben mir nachts, ausführlich und ungeordnet. Auch das allein entlastet schon. Ich lese es sorgfältig und melde mich, wie Sie es wünschen, schriftlich oder telefonisch, in der Regel innerhalb von 24 Stunden. Anrufen können Sie ohnehin jederzeit. Wenn ich nicht rangehe, sitze ich in einem Termin.
Häufige Fragen zu Erfolgs- und Trennungsquoten
Wie viele Paare trennen sich nach einer Paartherapie?
In der methodisch besten Langzeitstudie wurden 134 chronisch und schwer belastete Ehepaare fünf Jahre nach einer Paartherapie nachverfolgt. 26 bis 28 Prozent von ihnen hatten sich getrennt oder scheiden lassen. Anders gesagt: Drei von vier dieser Paare waren fünf Jahre später noch zusammen, und rund der Hälfte ging es deutlich besser als vorher. Diese Zahlen stammen aus einer Untersuchung mit besonders schwer belasteten Paaren und lassen sich nicht auf eine einzelne Beziehung übertragen.
Wie hoch ist die Erfolgsquote bei einer Paartherapie?
Eine einzelne seriöse Erfolgsquote gibt es nicht. In der Forschung bedeutet Erfolg fast immer ein messbarer Anstieg der Beziehungszufriedenheit, nicht das Zusammenbleiben. Unter Studienbedingungen profitieren deutlich mehr Paare als unter Praxisbedingungen: Vier Untersuchungen aus Deutschland und der Schweiz, 2026 in der Fachzeitschrift Family Process veröffentlicht, kamen unter realen Praxisbedingungen auf Effektstärken von 0,36 bis 0,44 gegenüber etwa 0,8 in experimentellen Studien; weniger als 40 Prozent der Paare erreichten eine klinisch bedeutsame Verbesserung. Wer eine einzige Prozentzahl nennt, unterschlägt die Bedingungen, unter denen sie zustande kam.
Führt eine Paartherapie zur Trennung?
Nein. Es gibt keine Studie, die zeigt, dass eine Paartherapie das Trennungsrisiko erhöht. Was allerdings geschieht: Eine Begleitung beschleunigt manchmal eine Klärung, die ohnehin anstand. Manche Paare merken dabei, dass mehr Substanz da ist, als sie dachten. Andere merken, dass die Entscheidung längst gefallen war. Der Unterschied liegt selten darin, ob getrennt wird, sondern wie – mit oder ohne Verständnis für den eigenen Anteil und mit oder ohne eine Elternebene, die danach noch trägt.
Verbessert sich eine Beziehungskrise auch von allein wieder?
Die Daten sprechen dagegen. In einer Metaanalyse über 58 Studien wurden auch die Paare beobachtet, die im selben Zeitraum auf einen Therapieplatz warteten und nichts weiter unternahmen. Bei ihnen veränderte sich statistisch nichts. Die Krise wuchs sich nicht aus, sie ging aber auch nicht von selbst vorbei. Der entscheidende Unterschied liegt also weniger zwischen Glück und Pech als zwischen Tun und Abwarten.
Stimmt es, dass jede zweite Ehe geschieden wird?
Nein. Das Statistische Bundesamt nennt diese Aussage ausdrücklich einen Mythos. Die belastbare Kennzahl ist die zusammengefasste Scheidungsziffer. Sie ist eine Modellrechnung und beantwortet die Frage: Wie viele von 1.000 geschlossenen Ehen würden langfristig geschieden, wenn das Scheidungsverhalten so bliebe wie heute? 2004 lag sie auf ihrem Höchststand bei 42,5 Prozent, für das Berichtsjahr 2025 bei 28,4 Prozent. Der verbreitete Fehler entsteht durch eine unzulässige Rechnung: Scheidungen eines Jahres geteilt durch Eheschließungen desselben Jahres. Das vergleicht Heiratsjahrgänge, die nichts miteinander zu tun haben.
Quellen
- Christensen, A., Atkins, D. C., Baucom, B., & Yi, J. (2010). Marital status and satisfaction five years following a randomized clinical trial comparing traditional versus integrative behavioral couple therapy. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 78(2), 225–235.
- Roesler, C. (2018). Die Wirksamkeit von Paartherapie. Teil 1: Eine Übersicht über den Stand der Forschung. Familiendynamik, 43(4), 332–341.
- Roesler, C. (2026). Effectiveness of Couple Therapy in Everyday Practice in Germany and Switzerland – An Update. Family Process, 65(2), e70157. DOI 10.1111/famp.70157
- Christensen, A., Atkins, D. C., Berns, S., Wheeler, J., Baucom, D. H., & Simpson, L. E. (2004). Traditional versus integrative behavioral couple therapy for significantly and chronically distressed married couples. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 72(2), 176–191. (Werte zum Therapieende)
- Katholische Hochschule Freiburg / idw (2. Juli 2026): Zwischen Ideal und Alltag – warum Paartherapie nachweislich wirkt, aber keine Laborstudie ist. Pressemitteilung zum Forschungsprojekt „Wirksamkeit von Paartherapien" (2021–2024, Leitung Prof. Dr. Christian Roesler, gefördert von der Heidehof Stiftung).
- Roddy, M. K., Walsh, L. M., Rothman, K., Hatch, S. G., & Doss, B. D. (2020). Meta-analysis of couple therapy. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 88(7), 583–596. (Wartelisten-Kontrollgruppen ohne nachweisbare Veränderung)
- Swift, J. K., & Greenberg, R. P. (2012). Premature discontinuation in adult psychotherapy: A meta-analysis. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 80(4), 547–559. (Abbruchquote Einzeltherapie 19,7 %)
- Friedlander, M. L., Escudero, V., Welmers-van de Poll, M. J., & Heatherington, L. (2018). Meta-Analysis of the Alliance–Outcome Relation in Couple and Family Therapy. Psychotherapy, 55(4), 356–371.
- Joel, S., Eastwick, P. W., Allison, C. J. et al. (2020). Machine learning uncovers the most robust self-report predictors of relationship quality across 43 longitudinal couples studies. PNAS, 117(32), 19061–19071.
- Karney, B. R., & Bradbury, T. N. (1995). The longitudinal course of marital quality and stability. Psychological Bulletin, 118(1), 3–34.
- Baumeister, R. F., Bratslavsky, E., Finkenauer, C., & Vohs, K. D. (2001). Bad is stronger than good. Review of General Psychology, 5(4), 323–370. (Negativitätsverzerrung)
- Statistisches Bundesamt: Maßzahlen zu Ehescheidungen (Berichtsjahr 2025: zusammengefasste Scheidungsziffer 284,3 je 1.000 Ehen); „Ehen im Wandel"; Pressemitteilung Nr. 220 vom 26. Juni 2026 (130.053 Scheidungen, durchschnittliche Ehedauer 14,6 Jahre).
- Zur Herkunft der 77-Prozent-Angabe: Weber Marketing- und Marktforschung GmbH, Online-Befragung von 906 Personen, veröffentlicht auf marktforschung.de am 14. März 2014.