Fachbeitrag · Reinhard Egger, Paar- und Familientherapeut (DGSF)

Systemische Haltung: Was ich 2002 aufgeschrieben habe – und was davon heute noch gilt

Ein Fachartikel aus meiner Zeit in der Familienhilfe, wiedergelesen nach 24 Jahren.

Im April 2002 ist im Diakonie-Report, der Zeitung der Inneren Mission München, ein Artikel von mir erschienen. Er trägt den Titel „Das System ,Familie‘ verstehen – mehr Achtung für die Klienten“ und steht auf Seite 5 der Ausgabe Nr. 20. Ich hatte ihn vergessen. Vor Kurzem ist er mir wieder in die Hände gefallen.

Beim Lesen war ich auf eine Weise überrascht, die ich erst einordnen musste: Es steht fast nichts darin, was ich heute anders schreiben würde.

Das kann zweierlei bedeuten. Entweder habe ich in 24 Jahren nichts dazugelernt. Oder das, was damals entstanden ist, war tragfähig genug, um zu bleiben.

Ich halte die zweite Deutung für die richtige. In diesem Beitrag lege ich offen, warum – und was sich sehr wohl verändert hat. Urteilen Sie selbst.

Die kurze Antwort, falls Sie gerade nicht weiterlesen möchten

  • Der Artikel von 2002 beschreibt acht innere Haltungen, die in einer dreijährigen Weiterbildung zum Paar- und Familientherapeuten vermittelt wurden.
  • Diese acht Haltungen sind bis heute die Grundlage meiner Arbeit – in Paartherapie, Familientherapie, Einzelberatung und Supervision gleichermaßen.
  • Nicht die Methode ist der stärkste Wirkfaktor, sondern die Beziehung, in der gearbeitet wird. Dafür gibt es heute belastbare Forschung, die es 2002 so noch nicht gab.
  • Verändert haben sich die Settings, das Methodenrepertoire und die Vorsicht, mit der ich über Dritte schreibe. Die Haltung selbst nicht.

Wovon der Text von 2002 handelt

Damals arbeitete ich in der Sozialpädagogischen Familienhilfe. Das ist eine aufsuchende Hilfe: Man sitzt nicht in einer Praxis und wartet, man kommt zu den Familien nach Hause, oft über Monate, manchmal über Jahre. Die Rechtsgrundlage ist § 31 des Achten Buchs Sozialgesetzbuch – im Text von 2002 nach damaligem Sprachgebrauch als „§ 31 KJHG“ bezeichnet, was dieselbe Norm meint. Dort steht der Auftrag im Gesetzeswortlaut, und er enthält den Satz, um den es in diesem ganzen Beitrag geht: die Familien zu unterstützen und „Hilfe zur Selbsthilfe geben“.

Konkret war ich Mitarbeiter der Dachauer Familienhilfe, die 1988 als Trägerverbund von Katholischer Jugendfürsorge, Innerer Mission München und dem BRK-Kreisverband Dachau entstanden war.

Parallel dazu absolvierte ich eine dreijährige Weiterbildung zum Paar- und Familientherapeuten beim Verein zur Förderung der Familientherapie und -beratung (vft) in München: rund 800 Unterrichtseinheiten und etwa 300 Sitzungen mit Familien. Den Verein gibt es bis heute; die Weiterbildungen werden inzwischen von der vft – Systemisches Institut München getragen.

Der Artikel von 2002 ist ein Erfahrungsbericht über diese Weiterbildung. Und er ist an einer Stelle ungewöhnlich offen.

Das Problem, das die Weiterbildung gelöst hat

Was Fachkräfte in dieser Arbeit erleben, habe ich damals so aufgeschrieben: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer berichteten, dass sie sich vor Beginn der Weiterbildung in den komplexen Problemlagen der Familien, in denen sie arbeiteten, „verstrickt und verloren“ gefühlt hatten. Für solche Lagen standen ihnen keine ausreichenden Handlungskompetenzen zur Verfügung.

Und dann wird es konkret. Der Text benennt die Gefahren, in denen die Kolleginnen und Kollegen immer wieder standen: einseitig Partei zu ergreifen. Sich in Loyalitäten zu einzelnen Familienmitgliedern binden zu lassen. Sich in Suchtsystemen in die Position eines Co-Süchtigen zu begeben. In Gewalt- und Misshandlungsproblematiken – oft aufgrund eigener starker, unreflektierter Betroffenheit – einseitig zu handeln.

Die Folge beschreibt der Artikel nüchtern: dass in starren, unbeweglichen Systemen häufig keine auch nur minimale Bewegung erzielt werden konnte.

Das ist bemerkenswert, weil es kein Klienten-Problem ist. Es ist ein Helfer-Problem. Und es ist bis heute das Thema, das in fast jeder Supervision irgendwann auf den Tisch kommt – ob im Rettungsdienst, in der Palliativmedizin oder in der Jugendhilfe: Man ist so nah dran, dass man nicht mehr sieht, wo man steht.

Die acht Haltungen, im Wortlaut von 2002

Der Artikel unterscheidet zwei Teile der Ausbildung. Der eine ist das Methodenrepertoire – ich nannte ihn damals den „eher technischen Teil“. Der andere ist, wie ich schrieb, der „nichttechnische, eher schwer zu beschreibende Teil“: die Vermittlung von grundlegenden inneren Haltungen.

Es folgen acht Punkte. Ich zitiere sie hier so, wie sie 2002 gedruckt wurden, und schreibe jeweils dazu, was 24 Jahre später daraus geworden ist.

1. „Klienten nicht als Hilfesuchende klein machen zu müssen“

Das ist der Satz, aus dem alles andere folgt. Wer Hilfe sucht, ist dadurch nicht kleiner. Heute nenne ich das Arbeiten auf Augenhöhe, und ich bitte Paare am Anfang um einen Vertrauensvorschuss – einfach als sehr erfahrene ältere Fachkraft. Was ich 2002 noch nicht so klar gesehen habe: Dieser Vorschuss geht in beide Richtungen. Ich gebe ihn auch.

2. „Die sichtbar werdenden Probleme / Symptome auch als derzeit beste Lösungsversuche der Familien sehen zu können“

Dieser Gedanke hat sich für mich als der praktisch folgenreichste erwiesen. Wenn das, was stört, zugleich ein Versuch ist, etwas zu lösen, dann ist die Frage nicht mehr „Wie schaffen wir das weg?“, sondern „Wofür ist das gut – und was wäre ein leichterer Weg dorthin?“. Jahre später habe ich bei Gunther Schmidt gelernt, dass es für genau das einen ausgearbeiteten Ansatz gibt: Er beschreibt Probleme und Symptome als kompetente Lösungsversuche mit Preis (Schmidt 2005). Ich hatte es 2002 aufgeschrieben, ohne die Theorie dazu zu kennen. Das ist keine Leistung von mir – es zeigt, wie gut diese Ausbildung war.

3. „Neugierig zu sein, wie und in welche Richtung Familien sich entwickeln wollen, ohne ihnen unsere Lösungsideen überstülpen zu müssen“

Auf meiner Website steht dafür heute das Wort veränderungsneutral: Ich rate weder zum Bleiben noch zum Gehen.

Fachlich ist an diesem Punkt etwas Interessantes zu beobachten. Die systemische Literatur beschreibt eine Entwicklungslinie von der Allparteilichkeit über die Neutralität zur Neugier – von Schlippe und Schweitzer gliedern ihr Lehrbuch genau entlang dieser drei Schritte. Der Begriff der Neugier geht auf Gianfranco Cecchin zurück, der 1987 vorschlug, Neutralität nicht als Affektverzicht zu verstehen, sondern als Bereitschaft, immer wieder neue Hypothesen zu bilden. In meinem Text von 2002 stehen der erste und der dritte Schritt in derselben Aufzählung, wenige Zeilen auseinander. Ich wusste damals nicht, dass ich zwei Stationen einer Fachgeschichte nebeneinanderlegte.

4. „Das richtige, angemessene Verhältnis von Nähe und Distanz finden zu können“

2002 ging es dabei um Selbstschutz – der Artikel spricht ausdrücklich von Psychohygiene und davon, dass sich ein gesünderes Gefühl für professionellen Abstand in zufriedenerem Personal und geringeren Krankheitszeiten bemerkbar macht. Heute sehe ich einen zweiten Nutzen: Distanz ist auch ein Angebot an die Klienten. Ich vereinbare deshalb keine Terminketten in die Zukunft, sondern von Stunde zu Stunde. Wer weiß, dass er jederzeit aufhören kann, bleibt aus freien Stücken.

5. „Auch einmal weniger für Familien zu tun, ihnen weniger abzunehmen, weniger zu kompensieren, um damit Vertrauen in systemimmanente Kräfte und Ressourcen zu signalisieren“

Das ist der schwerste Punkt der Liste, und er widerspricht allem, was man als Helfer gerne täte. Weniger zu tun fühlt sich falsch an. Es ist aber die einzige Botschaft, die wirklich sagt: Ich traue Ihnen etwas zu.

Aus diesem Punkt ist in meiner Praxis der kleinste gemeinsame Nenner geworden. Statt eines großen Auftrags suche ich mit Paaren einen kleinen, den beide unterschreiben können. Zum Beispiel: Wie schaffen wir es, einen schönen Abend pro Woche zu haben, an dem sich beide verstanden fühlen? Das klingt bescheiden. Es ist der Anfang von fast allem.

6. „Alle Veränderungsrichtungen, Ambivalenzen zulassen zu können, sich möglicherweise sogar als Anwalt der Ambivalenzen einer Familie zu verstehen“

Anwalt der Ambivalenzen – das ist die Formulierung, die mir beim Wiederlesen am meisten Freude gemacht hat.

In der Paararbeit heißt das ganz praktisch: Wenn ich den Auftrag „Verändern Sie meinen Mann“ annehme, kommt der Mann nicht wieder. Nehme ich den umgekehrten Auftrag an, kommt sie nicht wieder. Ich habe also ein Dilemma – und ich spreche es offen aus, statt es zu verstecken. In der Supervision ist dasselbe Dilemma sogar schärfer, weil dort ein echter Dreieckskontrakt besteht: Der Satz einer Leitung, „Sorgen Sie dafür, dass die Mitarbeiter wieder mitziehen“, ist strukturell derselbe Satz – nur mit Hierarchie und Finanzierung dahinter.

Hier liegt auch der Punkt, an dem meine Arbeitsweise sich von der vieler Kolleginnen und Kollegen unterscheidet: Ich biete innerhalb einer laufenden Paar- oder Teambegleitung auch Einzelgespräche an. Wer das tut, muss allparteilich bleiben können, während er nacheinander mit jedem allein im Raum sitzt. Ich erkläre dabei, dass alles angesprochen werden kann, ohne den anderen in diesem Moment damit zu belasten. Manches gehört ohnehin nur zu einer Person. Und manchmal ist ein einmaliges Aussprechen genau das, was weiterhilft – ohne Diskussion, ohne Rechtfertigung, die niemanden voranbringt. Damit es einmal gesagt ist, und damit mein Gegenüber die Erfahrung macht, wirklich verstanden worden zu sein. Meine Erfahrung aus über zwanzig Jahren: Es ist fast immer hilfreich. Manches lässt sich zu zweit einfach nicht sagen, bevor es einmal ausgesprochen wurde.

Eine Grenze hat das, und die spreche ich von Anfang an aus. Wenn in einem Einzelgespräch etwas auftaucht, das die gemeinsame Arbeit von innen heraus verändert – der Fall, den ich dabei erzähle, ist eine laufende Affäre, von der die andere Person nichts weiß –, dann kann ich das Paar nicht mehr allparteilich begleiten. Ich wüsste ab diesem Moment etwas, das für die eine Seite entscheidend ist und das die andere nicht kennt. Genau das ist mir einmal begegnet; ich habe das Paar an einen Kollegen weiterverwiesen. Das ist kein Urteil über die Person. Es ist die einzige Möglichkeit, die Allparteilichkeit nicht stillschweigend zu verlieren.

Fachlich ist das näher am ursprünglichen Konzept, als es zunächst aussieht. Der Familientherapeut Ivan Boszormenyi-Nagy hat für diese Haltung den Begriff der multidirected partiality geprägt – einer Parteilichkeit, die sich nacheinander jedem Beteiligten zuwendet, ausdrücklich auch den Abwesenden. Das deutsche Wort dafür ist Allparteilichkeit. Es meint nicht, für niemanden Partei zu ergreifen. Es meint, für alle Partei zu ergreifen – nur nicht gleichzeitig.

7. „Klienten auch als beste Sachverständige ihrer Schwierigkeiten sehen zu können“

Wer seit Jahren in einer Situation lebt, weiß mehr über sie als jeder Berater nach einer Stunde. Meine Aufgabe ist nicht, es besser zu wissen, sondern die Fragen zu stellen, die von innen schwer zu stellen sind. Wie wenig sich von außen vorhersagen lässt, habe ich an anderer Stelle mit Zahlen belegt: Wie viele Paare trennen sich nach einer Paartherapie?

8. „Uneitles Handeln und Demut“

Vier Wörter, keine Erklärung dazu – so steht es 2002 am Ende der Liste. Ich habe lange überlegt, ob ich sie hier kommentieren soll. Ich lasse sie stehen.

Was sich verändert hat

Ein Text, der behauptet, in 24 Jahren habe sich nichts geändert, wäre unglaubwürdig. Vier Dinge sind anders.

Das Setting. 2002 arbeitete ich mit Familien in der Jugendhilfe, aufsuchend, im Wohnzimmer, oft in Zwangskontexten mit dem Jugendamt im Hintergrund. Heute kommen Menschen freiwillig in meine Praxis in Oberding – als Paar, als Familie, einzeln oder als Team. Freiwilligkeit verändert fast alles, und zwar zum Besseren.

Das Methodenrepertoire. Dazugekommen sind das hypnosystemische Arbeiten bei Gunther Schmidt, die Ego-State-Arbeit bei Dr. Jochen Peichl und das Mobile-Prinzip von Peter Nemetschek. Das sind Werkzeuge, keine neuen Haltungen – aber gute Werkzeuge machen es leichter, einer Haltung treu zu bleiben, wenn es anstrengend wird.

Ein Beispiel dafür, wie eng Werkzeug und Haltung zusammenhängen: Bei Peter Nemetschek habe ich am Lebensflussmodell gelernt, dass es einen Rückfall gar nicht geben kann. Ein Fall zurück wäre eine Bewegung zurück in der Zeit, und die gibt es nicht. Nemetschek bestand darauf, Klientinnen und Klienten an dieser Stelle sofort zu korrigieren: Aus dem Rückfall wird ein Vorfall. Etwas ist vorgefallen – weiter vorne auf demselben Weg, nicht auf dem Rückweg.

Das ist mehr als ein Wortspiel. Wer sich für rückgefallen hält, hat verloren, was er sich erarbeitet hatte. Wer weiß, dass ihm etwas vorgefallen ist, hat eine Information mehr. Bei Gunther Schmidt habe ich später die zweite Hälfte desselben Gedankens gefunden: den sogenannten Rückfall als Lösungsversuch anzuerkennen. Zwei Lehrer, zwei Wege, dieselbe Richtung – und beides passt genau auf den zweiten Punkt der Liste von 2002.

Die Forschungslage. 2002 war die Aussage „Die Beziehung ist wichtiger als die Methode“ eine Berufserfahrung. Heute ist sie belegt: Eine Metaanalyse von Friedlander und Kolleginnen aus dem Jahr 2018 weist der Arbeitsbeziehung in Paar- und Familientherapie einen belegten Zusammenhang mit dem Ergebnis zu; dass die Methodenwahl weniger erklärt, ist der breitere Forschungskonsens und nicht der Befund dieser einen Studie. Das ist der wichtigste fachliche Zuwachs dieser 24 Jahre – und er stützt ausgerechnet den Teil, der sich am schwersten beschreiben lässt.

Die Vorsicht. 2002 schrieb ich für ein Fachpublikum. Der Text nennt Konstellationen, die ich heute so nicht mehr öffentlich beschreiben würde – nicht, weil sie falsch wären, sondern weil im Internet alle mitlesen: auch die Familien, über die geschrieben wird, und die Menschen, die morgen anrufen. Das ist keine Haltungsänderung, sondern eine Konsequenz aus derselben Haltung unter anderen Bedingungen.

Was das für Sie bedeutet

Wenn Sie als Paar, Familie oder einzeln zu mir kommen: Sie werden nicht nach einer Diagnose gefragt und Sie müssen nichts vorbereiten. Ich stehe nicht auf einer Seite gegen die andere. Ich ergreife für jeden von Ihnen Partei – nacheinander, nicht gleichzeitig. Was Sie mitbringen, behandele ich als das, was es meistens ist: der beste Weg, der Ihnen bisher zur Verfügung stand.

Wenn Sie ein Team leiten: Der Kern der acht Punkte ist ein Satz, den Leitungen selten hören: Manchmal ist weniger tun die wirksamere Intervention. Ein Team, dem alles abgenommen wird, verliert das Zutrauen in die eigenen Kräfte. In der Supervision ist die Klärung, wer welchen Auftrag stellt und wer was zu hören bekommt, meistens schon der halbe Weg.

Häufige Fragen zur systemischen Haltung

Was bedeutet „systemische Haltung“?

Systemische Haltung bezeichnet die innere Grundeinstellung, mit der jemand berät – im Unterschied zu den Methoden, die er anwendet. Dazu gehört, Menschen nicht als Träger eines Defizits zu sehen, sondern als Fachleute für ihre eigene Lage; Probleme als bisher bestmögliche Lösungsversuche zu verstehen; für alle Beteiligten nacheinander Partei zu ergreifen statt für niemanden; und darauf zu verzichten, eigene Lösungsideen überzustülpen. Die Forschung stützt die Bedeutung dieser Ebene: Eine Metaanalyse zur Arbeitsbeziehung in Paar- und Familientherapie fand einen deutlich stärkeren Zusammenhang zwischen Beziehungsqualität und Ergebnis als zwischen Methodenwahl und Ergebnis.

Was bedeutet Allparteilichkeit in der Familientherapie?

Allparteilichkeit bedeutet, für jedes Mitglied eines Systems nacheinander Partei zu ergreifen – ausdrücklich auch für Abwesende. Sie ist damit etwas anderes als Neutralität: Neutral heißt, für niemanden Partei zu ergreifen; allparteilich heißt, für alle Partei zu ergreifen, nur nicht gleichzeitig. Der deutsche Begriff entspricht dem Konzept der multidirected partiality, das der Familientherapeut Ivan Boszormenyi-Nagy entwickelt hat; wer das deutsche Wort zuerst verwendet hat, ist in der Fachliteratur nicht eindeutig geklärt. Von Schlippe und Schweitzer verweisen für den Begriff auf Boszormenyi-Nagy und auf Stierlin und Kollegen.

Was heißt es, Symptome als Lösungsversuche zu verstehen?

Es heißt, ein störendes Verhalten nicht zuerst danach zu befragen, wie man es abstellt, sondern danach, wofür es bisher gut war. Rückzug schützt vor Verletzung. Streit stellt Nähe her, wenn Nähe anders nicht mehr gelingt. Wer das versteht, muss dem Menschen nichts wegnehmen, sondern kann mit ihm nach einem Weg suchen, der weniger kostet. Gunther Schmidt hat diesen Gedanken im hypnosystemischen Ansatz ausgearbeitet und spricht von kompetenten Lösungsversuchen mit Preis.

Was ist Sozialpädagogische Familienhilfe nach § 31 SGB VIII?

Sozialpädagogische Familienhilfe ist eine aufsuchende Hilfe zur Erziehung: Die Fachkraft kommt zur Familie nach Hause, in der Regel über einen längeren Zeitraum. Der Gesetzestext nennt als Aufgaben die Unterstützung bei Erziehungsaufgaben, bei der Bewältigung von Alltagsproblemen, bei der Lösung von Konflikten und Krisen sowie im Kontakt mit Ämtern und Institutionen – und ausdrücklich das Ziel, „Hilfe zur Selbsthilfe“ zu geben. Die Norm verlangt die Mitarbeit der Familie. Sie wurde 1990 mit dem Kinder- und Jugendhilfegesetz eingeführt, weshalb sie in älteren Texten als „§ 31 KJHG“ zitiert wird.

Woran erkenne ich, ob jemand wirklich systemisch arbeitet?

Ein verlässlicher Anhaltspunkt ist die Frage, wer als Problem behandelt wird. Wird in den ersten Gesprächen ein Schuldiger gesucht oder ein Familienmitglied zum Fall erklärt, ist das kein systemisches Vorgehen. Ein zweiter Anhaltspunkt ist der Auftrag: Systemisch arbeitende Beraterinnen und Berater klären, wessen Anliegen gerade bearbeitet wird, statt den Wunsch einer Person stillschweigend zu übernehmen. Ein dritter ist die Zertifizierung – die anerkannten Weiterbildungen laufen über die Fachverbände, im deutschsprachigen Raum vor allem über die DGSF und die Systemische Gesellschaft.

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Ein weiterer Fachbeitrag

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Quelle und Literatur

Der Ausgangstext

Egger, R. (2002). Das System „Familie“ verstehen – mehr Achtung für die Klienten. Die Weiterqualifikation zum „Paar- und Familientherapeuten“ ermöglicht mehr Gelassenheit bei vielfältigen Belastungen und Problemen. Diakonie-Report. Zeitung der Inneren Mission München, Nr. 20 (April 2002), S. 5. Die Zeitschrift ist in der Zeitschriftendatenbank nachgewiesen (ZDB-ID 1463566-5) und erschien bis Dezember 2020. Die Innere Mission München firmiert heute als Diakonie München und Oberbayern.

Verwendete Literatur

  • Boszormenyi-Nagy, I., & Spark, G. M. (1981). Unsichtbare Bindungen. Die Dynamik familiärer Systeme. Stuttgart: Klett-Cotta. (Original: Invisible Loyalties, 1973)
  • Cecchin, G. (1988). Zum gegenwärtigen Stand von Hypothetisieren, Zirkularität und Neutralität. Eine Einladung zur Neugier. Familiendynamik, 13(3), 190–203. (Original: Family Process, 26(4), 1987, 405–413)
  • Friedlander, M. L., Escudero, V., Welmers-van de Poll, M. J., & Heatherington, L. (2018). Meta-Analysis of the Alliance–Outcome Relation in Couple and Family Therapy. Psychotherapy, 55(4), 356–371.
  • Schmidt, G. (2005). Einführung in die hypnosystemische Therapie und Beratung. Heidelberg: Carl-Auer.
  • von Schlippe, A., & Schweitzer, J. Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung I. Das Grundlagenwissen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
  • § 31 SGB VIII (Sozialpädagogische Familienhilfe), eingeführt durch Artikel 1 des Kinder- und Jugendhilfegesetzes vom 26. Juni 1990 (BGBl. I S. 1163).

Verfasst von Reinhard Egger, Diplom-Sozialpädagoge (FH), Systemischer Therapeut, Paar- und Familientherapeut (DGSF), Supervisor. Praxis in Oberding bei Erding. Stand: 2. August 2026.